Friedl Dicker

Geburtsname: Dicker
weitere Namen: Friederike Dicker, Dicker-Brandeis,
Tschechisch Bedriška (Friederike) Brandeisova
geboren: 30.08.1898, Wien, Österreich-Ungarn

gestorben: 09.10.1944, KZ Auschwitz, Polen
Religionsbekenntnis: mosaisch
Emigration: 1936 nach Prag
Deportation: 1942 in das KZ Theresienstadt,
1944 in das KZ Auschwitz

Ausbildung
1912 – 1914 Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, Wien

1915 – 1916 Kunstgewerbeschule, Textilklasse Prof. Rosalia Rothansl
1916 - 1919 Privatschule des Malers Johannes Itten
1919 - 1923 Bauhaus in Weimar
Friedl Dicker
Friedl Dicker
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Biografie

Friedl Dicker erlebte ihre Kindheit im 9. Bezirk in Wien vor allem mit ihrem Vater Simon Dicker. Ihre Mutter Karoline, geborene Fanta, starb als das Kind erst 4 Jahre alt war. Ihr Vater führte ein Papiergeschäft  indem sie als Kind viel Zeit verbrachte und schon bald von Buntstiften, Farben, Papier und Ton fasziniert war. Nach der damals üblichen Ausbildung an der Bürgerschule für Mädchen wollte sie den Fotografenberuf an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien erlernen. Doch sie setzte danach ihr Studium an der Kunstgewerbeschule, in der Textilklasse von  Rosalia Rothansl fort, daneben belegte sie Kurse des Malers und Kunstpädagogen Franz Čižek. Das Schulgeld verdiente sie am Theater, wo sie als Requisiteurin assistierte, Kostüme entwarf und sogar kleine Rollen selbst spielte. 1916 wurde Friedl Schülerin in der privaten Kunstschule des Schweizer Malers Johannes Itten in Wien. Sie lebte in einer Welt der Kunst, des Zeichnens und mit Musik. Die Mitschülerin Annie Wottitz wurde eine gute Freundin und sie lernte Franz Singer kennen, mit dem sie über Jahre eine intensive Beziehung verband. 

Als 1919 das Bauhaus in Weimar als neue Schule der angewandten Künste von Walter Gropius gegründet und Itten als Lehrer berufen wurde, schlossen sich die Wiener Schülerinnen an und gingen nach Weimar. In der anregenden Atmosphäre des Bauhauses lernte und arbeitete Friedl in den verschiedenen Werkstätten der Textil- und Metallbearbeitung, der Druckerei, Buchbinderei und Lithografie, und sie bewunderte den Maler Paul Klee. Franz Singer und Friedl Dicker arbeiteten in einer Theaterwerkstatt mit. Als die beiden 1923 die Werkstätten Bildender Kunst in Berlin-Friedenau eröffneten erhielten sie Aufträge zur Ausstattung von Theaterstücken an Berthold Viertels Theater.

1923 zog sie wieder nach Wien und eröffnete ein eigenes Atelier gemeinsam mit Anny Moller-Wottitz. In diesen Jahren pendelte sie zwischen Wien und Deutschland. 1925 entschloss sie sich in Wien zu bleiben. Franz Singer reiste ihr nach und noch im selben Jahr entstand das Atelier Singer-Dicker in der Wasserburggasse im 9.Bezirk, das Möbel und Wohnungsgestaltungen sowie Architektur-Planungen übernahm. Die beiden ergänzten sich als Team in idealer Weise. Friedl Dicker belebte Franz Singers Konstruktionen, sie experimentierte mit Material, Farben und Texturen. Die Ateliergemeinschaft schuf Wohnungseinrichtungen und Bauten von herausragend modernem Design in Wien. Ihre Entwürfe waren in Wien bald sehr gefragt.
Die Konzeption und Gestaltung der Kleinwohnung und Einraumwohnung, die mehrere Funktionsbereiche innerhalb eines Raumes kombinierte, war ein neuer Aufgabenbereich für ArchitektInnen in den Zwanzigerjahren. Im sozialen Bereich entstanden diese Wohnraum­gestaltungen aufgrund der beschränkten räumlichen Kapazitäten. Im bürgerlichen Milieu hatte die Kleinwohnung beziehungsweise die Einraumwohnung eine andere Intention, hier war es vielmehr eine modische Erscheinung sich auf wenig Raum mit schlichten, funktionalen Möbeln eine Wohnung gestalten zu lassen, wie sie das Atelier Singer-Dicker entwarf.

1930 erhielt das Atelier Singer-Dicker den Auftrag den Montessori-Kindergarten im Goethe-Hof einzurichten. Die beiden setzten die Ideen der Förderung von Individualität und Kreativität ideal um. Doch wurde der Musterkindergarten des Roten Wien bereits 1934 während der Februaraufstände teilweise zerstört. Die Nationalsozialisten ließen 1938 den Kindergarten auflösen und schließen. Auch die anderen Bauten des Ateliers in Wien wurden zerstört und abgerissen. 

Friedl Dicker erhielt 1931 die Einladung der Stadt Wien Kurse für Kindergärtnerinnen zu halten und gab auch Kindern Kunstunterricht. Damit begann ein neuer Lebensabschnitt, sie verließ die Arbeitsgemeinschaft mit Franz Singer und zog in eigenes Atelier. Auch trat sie in die kommunistische Partei ein und reflektierte verstärkt gesellschaftliche Ereignisse mit ihrer künstlerischen Arbeit, antikapitalistische Plakate und Collagen entstanden. Nach einer Verhaftung und demütigendem Verhör flüchtete sie nach Prag. Hier hatte sie Verwandte und lernte Pavel Brandeis kennen, den sie 1936 heiratete.

Sie malte, unterrichtete Kinder, auch arbeitete sie wieder in Kontakt mit dem Wiener Atelier an Wohnungseinrichtungen. Aufgrund der zunehmend kritischen Situation versuchten Freunde Friedl zu überzeugen Europa zu verlassen. Anny Moller-Wotitz war mit ihrem Mann inzwischen in Palästina und schickten ihr ein Visum. Doch Friedl schlug es aus, sie wollte bei Pavel bleiben. Das Paar übersiedelte 1938 nach Hronov, nördlich von Prag. Beide arbeiteten in einer Textilfabrik. Friedl zeichnete und malte. Die Lebensbedingungen wurden immer schwieriger. Sie mussten in immer kleinere Unterkünfte, schließlich in ein Zimmer ziehen. Im Spätherbst 1942 kam es zur Deportation nach Theresienstadt. Friedl Dicker-Brandeis ließ sich in das Kinderheim L410 einteilen, wo sie Kindern Malstunden gab. Sie wollte mit den Kindern arbeiten und gab ihre Energie – und die Kinder waren die Quelle ihrer Kraft. Die Malerei half den Kindern den schrecklichen Alltag zu überstehen. Auch war Friedl behilflich die Räume und Lager mit den einfachsten Mitteln etwas gemütlicher zu richten. Für ein Schauspiel der Kinder gestaltete sie Kostüme und Bühnenbild. 

Vor ihrem Abtransport packte sie viele Kinderzeichnungen in einen Koffer, der auf einem Dachboden versteckt wurde. Am 6.10.1944 waren Friedl und Pavel in einem Transport nach Auschwitz. Friedl wurde durch Vergasung ermordet.

Die Kinderzeichnungen konnten nach Kriegsende wiederentdeckt und zur jüdischen Gemeinde in Prag gebracht werden. Bereits nach der ersten Ausstellung hieß es: „Die Arbeiten der Kinder sind Brillianten in der Krone der Weltkultur“. Edith Kramer, eine Schülerin Friedl Dicker meinte: In den Zeichnungen der Kinder von Theresienstadt und ihrem eigenen Werk lebt Friedl Dicker-Brandeis fort. … Es gibt viele Formen des Überlebens.“

Werke (Auswahl)

1927 Wohnung Hugo u. Alice Moller, Wien 1 (mit Franz Singer)

1927 Wohnung Dr. Koritscher Wien 4, Johann-Strauß-Gasse (mit Franz Singer)

1928 Tennisclubhaus Dr. Hans Heller (mit Franz Singer und Jacques Groag)
Leopold-Müllergasse/ Reichgasse, Wien 13 (1938 liquidiert und abgebrochen)

1929 Modesalon „Lore Kriser“, Wien 1, Gluckgasse 2 (nicht erhalten, mit Franz Singer)

1929 Wohnung Dr. Reisner Wien 19, Koschatgasse (mit Franz Singer)

1931 Gartenhaus Alice Moller, Wien 19, Starckfriedgasse (mit Franz Singer)

1931 Confiserie „Garrido & Jahne“, Wien 1, Operngasse 10 (nicht erhalten, mit Franz Singer

1932 Innenraumgestaltung Kindergarten Goethe-Hof, (mit Franz Singer)

Schüttaustraße Wien 22, (1934 tw. zerstört, 1938 ganz entfernt)

bedeutende künstlerische Arbeiten der Malerei, Grafik, Objekte, Textilbearbeitung, Theaterausstattung

Quellen

Franz Singer – Friedl Dicker, 2x Bauhaus in Wien, Hochschule für Angewandte Kunst in Wien (Hg.)  Ausstellungskatalog Heiligenkreuzerhof Wien 1988

Elena Makarova: Friedl Dicker-Brandeis. Ein Leben für Kunst und Lehre, Wien 1999

Katharina Hövelmann: „Das moderne Wohnprinzip“ Kleinwohnungsgestaltungen der Ateliergemeinschaft unter der Leitung von Friedl Dicker und Franz Singer, Diplomarbeit Universität Wien, Wien 2012

Katharina Hövelmann: Bauhaus in Wien? Möbeldesign, Innenraumgestaltung und Architektur der Wiener Ateliergemeinschaft von Friedl Dicker und Franz Singer, Wien 2021

Patrick Rössler & Elisabeth Otto: Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne, München 2019, S. 12-16

Foto:  Friedl Dicker- Brandeis, vor 1944,
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedl_Dicker-Brandeis_(1898-1944).jpg?uselang=de

Text: Christine Zwingl
Februar 2022