Adele Gomperz 

Geburtsname: Stepnitz
Weitere Namen: Ada
geboren: 11.12.1884 in Wien, Österreich-Ungarn
gestorben: 14.6.1954 Los Angeles, USA
Religionsbekenntnis: evangelisch A.B.
Emigration: 1935 Los Angeles, USA

Ausbildung
1928–1932 Kunstgewerbeschule Wien, Architekturklasse von Oskar Strnad
Adele Gomperz
Adele Gomperz 
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Adele Gomperz: Ideal-Küche, Perspektive, 1934
Adele Gomperz: Ideal-Küche, Perspektive, 1934

Biografie

Adele Wilhelmine Julie Stepnitz wuchs in Wien auf, als Tochter von Hans Stepnitz und Paula Stepnitz, geborene Schauerle. Vater Hans Stepnitz war Disponent bei der Firma Hofherr & Schrantz, ein großes Unternehmen zur Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen. Die Familie wohnte in der Schelleingasse im 4. Wiener Gemeindebezirk.

Über Adeles Jugend und persönliche Entwicklung ist bisher äußerst wenig bekannt. In den Nationalen der Kunstgewerbeschule, wo sie ab 1928, im Alter von 44 Jahren, ein Studium begann, gab sie als religiöses Bekenntnis evangelisch A.B. an und den Besuch eines humanistischen Gymnasiums mit Matura. Auch erwähnt sie, in der Nationale vom 22.10.1930, ihre Praxis von „15 Jahre eigener gewerblicher Betrieb“, als Berufswunsch gab sie jährlich Architektin an.

Um 1915 findet sich im Wiener allgemeinen Adressenverzeichnis Lehmann der Eintrag einer Blusen-Erzeugung in Wien, Schleifmühlgasse 15 unter ihrem Namen. Und 1918 gibt es einen Firmeneintrag von: Adele Stepnitz, Kleider-Saloninhaberin an derselben Adresse.

Adele Stepnitz könnte ihren Betrieb im Jahr 1909 gegründet, nachdem sie 24 Jahre alt war und die Großjährigkeit erreicht hatte, und 15 Jahre bis 1924 geführt haben. Da sie jedoch 1917, im Alter von 33 Jahren geheiratet hatte, stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich einen Betrieb unter ihrem Mädchennamen während ihrer Ehe weitergeführt hat.

Adele Stepnitz, verheiratete Gomperz, hat nach eigenen Angaben in Wien ein humanistisches Gymnasium für Mädchen und Frauen besucht. Wo wäre dies in diesen Jahren möglich gewesen? Die erste sechsklassige Gymnasiale Mädchenschule in Wien wurde 1892 in der Hegelgasse eröffnet und übersiedelte 1910 in die Rahlgasse 4, im 6. Wiener Gemeindebezirk. Aus dieser Schule entstand 1904 das erste humanistische Mädchengymnasium. 1906 durften Mädchen zum ersten Mal am Mädchengymnasium maturieren. In diesem Jahr wäre Adele 22 Jahre alt gewesen. Eine Recherche vor Ort ergab jedoch keinen Hinweis auf einen Besuch von Adele Stepnitz im BG Rahlgasse gefunden. Möglicherweise hat sie erst in den späteren Jahren nach der Erfahrung mit dem eigenen Betrieb den Wunsch nach Bildung entwickelt und diesem nachgehen können. Und könnte es sein, dass sie durch die Heirat und mit den Jahren neue Impulse zur eigenen Entwicklung und neue Möglichkeiten dazu erhielt?

Sie heiratete Heinrich (genannt Harry) Gomperz (1873–1942), ein Philosoph und späterer Universitätsprofessor. Heinrich Gomperz war ein typischer Repräsentant des assimilierten, sozialliberalen Judentums. Wie die beiden sich kennengelernt und zueinander fanden, konnte bisher nicht herausgefunden werden.

Die Familie Gomperz war eine höchst angesehene jüdische Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie. Heinrichs Eltern, Elise, geb. von Sichrowsky (1848-1929) und Theodor Gomperz (1832-1912), Altphilologe, standen dem Judentum eher skeptisch gegenüber. Theodor Gomperz fand es „ausgehöhlt und überlebt“, er plädierte für eine gesellschaftliche Entwicklung und für den Übertritt zum Christentum. In seinem Testament hielt er den Wunsch nach einem Religionswechsel seine Kinder fest.

Heinrich studierte ab 1891 Jura an der Universität Wien, das er nach zwei Jahren abbrach. Zwischenzeitlich hörte er in Berlin Kirchengeschichte bei Adolf Harnack und wendete sich, wieder in Wien, der klassischen Philologie, Geschichte und Philosophie zu. Er promovierte 1896 bei Ernst Mach und schloss eine Habilitation in Bern an, die 1900 mit dem Thema „Die Welt als geordnetes Ereignis“ erfolgte.

Ab 1905 lebte er in Wien, 1920 wurde er zum außerordentlichen und 1924 zum ordentlichen Universitätsprofessor für Philosophie an die Universität Wien berufen. Aus dem Judentum ausgetreten war er bereits 1887, seine protestantische Taufe erfolgt erst im März 1910.

Auch die jüngeren Geschwister Heinrichs traten zum Protestantismus über. Der jüngere Bruder Rudolf Gomperz (1878-1942) bereits 1899. Später war er der maßgebliche Wegbereiter des Ski-Tourismus in St. Anton am Arlberg. Er wurde vom Naziregime erfasst und kam im Vernichtungslager Maly Trostinez, Weißrussland zu Tode.
Seine Schwester Bettina Gomperz (1879-1948), wird als ungewöhnlich begabtes Mädchen beschrieben, das sich wenig um geltende Konventionen kümmerte. Sie erhielt Privatunterricht in Bildhauerei, Aquarellmalerei, Zeichnen und konnte vier Sprachen. 1903, im Alter von 23 Jahren wurde sie als Protestantin getauft. Im selben Jahr heiratete sie den Philosophen Rudolf Maria Holzapfel, mit ihm lebte sie in Bern, Schweiz.

In Wien entstanden in den Nachkriegsjahren philosophische Zirkel, auch um Heinrich Gomperz bildete sich ein solcher, der in Verbindung mit dem „Wiener Kreis“ stand, einer Gruppe von Philosophen, Mathematikern, Natur- und Geisteswissenschaften, die eine wissenschaftliche Weltauffassung entwickelten.

Im Gästebuch der Familie Bunzel, die ab Dezember 1911 Schloss und Gut Thürnthal bewohnten das zu einem Treffpunkt der großen Familie wurde, finden sich Aufzeichnungen bis Juli 1929. Die Gäste waren zumeist Verwandte, auch Freunde und Freundinnen oder Geschäftspartner:innen, die zum Teil in der Wiener Gesellschaft um 1900 bekannte Persönlichkeiten waren. Heinrich (Harry) Gomperz war ab 1913 wiederholt Gast des Hauses und ab 1917, nach der Heirat mit Adele, finden sich Eintragungen im Gästebuch ihrer gemeinsamen Besuche.

Das Ehepaar Adele, auch Ada genannt, und Heinrich Gomperz wohnte im zwölften Bezirk, Grünbergstraße 25 in einem Haus dessen Eigentümer Heinrich Gomperz war.

Im Jahr 1928 begann Adele Gomperz, sie war bereits 44 Jahre alt und seit 11 Jahren verheiratet, ein Studium an der Kunstgewerbeschule Wien in der Architekturklasse von Oskar Strnad. Nach vier Jahren schloss sie die Ausbildung erfolgreich ab. Im Abschlusszeugnis wurde vermerkt: „Frau Adele Gomperz hat am 16.6.32 lt. Beschluss des Arbeitsausschusses das Erfolgsdiplom und damit das Recht erhalten sich fortan Diplom-Absolventin zu nennen.“ 
Nach dem Studium wurde sie Mitarbeiterin im Büro des Architekten Erich Boltenstern, der in diesen Jahren, bis 1934, Assistent von Oskar Strnad war. Boltenstern und Ada Gomperz gestalteten die Inneneinrichtung des Hauses Nr. 5 von Architekt Hugo Häring in der Wiener Werkbundsiedlung,1931-32 errichtet. Außerdem plante Ada Gomperz die Küchenorganisation im Haus Nr. 33 von Julius Jirasek. Auch für den Wettbewerb Das wachsende Haus, erstellten Erich Boltenstern und Ada Gomperz ein gemeinsames Projekt, das 1932 am Wiener Messegelände im Rahmen der Frühjahrsmesse ausgestellt war. Ada Gomperz wurde zu einer Spezialistin für Fragen des Haushalts und der Küchenplanung.

Das austrofaschistische System des Ständestaates veranlasste 1934 die Zwangsemeritierung von Professor Heinrich Gomperz. Ein wesentlicher Grund dafür war seine Weigerung der Vaterländischen Front beizutreten.

1935 verließen Ada Gomperz und ihr Mann Österreich. Sie emigrierten in die USA, über Großbritannien. Mit der Ausreise übergab Heinrich Gomperz dem Rechtsanwalt Dr. Egon Bergson-Sonnenberg, eine Prozessvollmacht. Im Jahr 1938 musste der Anwalt ein Verzeichnis über Heinrich Gomperz´ Vermögen anlegen. Im Juli 1938 schrieb Gomperz aus Cambridge ein Ersuchen um Fristerstreckung. Im Schätzungsprotokoll über diverse Einrichtungsgegenstände von Ferdinand Kratky, Architekt und Kunsttischler in Wien, hält dieser fest, dass sein Auftraggeber derzeit in England ist. Das Verzeichnis über sein Vermögen liegt unterschrieben und datiert mit 15.8.1938 vor. Darin wird erwähnt, dass Gomperz eine große Fachbibliothek besitzt.


Heinrich Gomperz erhielt eine Gastprofessur an der University of Southern California in Los Angeles, die er bis zu seinem Tode innehatte. Dabei dürfte es Unterstützung durch Ferdinand C. S. Schiller, britischer Philosoph, der ab 1930 ständig an der University of Southern California in Los Angeles tätig war, gegeben haben.

Auch die Architektin Liane Zimbler floh 1938, kurz nach dem Anschluss Österreichs durch die Nationalsozialisten, in die USA und kam auf Vermittlung von Ada Gomperz nach Kalifornien. Ada Gomperz arbeitete im Atelier der Designerin Anita Toor, das nach dem Tod von Toor im Jahr 1941 von Liane Zimbler übernommen wurde. Einige Zeit arbeiteten Ada Gomperz und Liane Zimbler zusammen. Als wesentliches gemeinsames Projekt wird das Haus für den emigrierten Wiener Komponisten Ernst Toch in Santa Monica, Kalifornien genannt. Ada und Heinrich Gomperz stellten den Kontakt zu Toch her, der, Ende der 1930er Jahre auch an die University of Southern California in Los Angeles kam. Dann dürfte Ada Gomperz ein eigenes Büro für Inneneinrichtung geführt haben, das für größere Wirtschaftsbetriebe an der Ausstattung für Hotels, Restaurants und Altenheime gearbeitet hat.

Heinrich Gomperz starb 1942. Für seine Frau Adele dürfte das Leben danach schwierig geworden sein. Sie versuchte beim österreichischen Staat eine Witwenpension zu erlangen, was jedoch erfolglos blieb.  Auch setze sie viel Mühen daran die Biografie ihres verstorbenen Mannes zu veröffentlichen und seine Autographen zu verkaufen, sowie Bücher und andere Familienerbstücke aus Wien. Anfang der 1950er Jahre erkrankte sie. Im Juni 1954 wurde in den Zeitungen mitgeteilt, dass Ada Gomperz, Witwe des Philosophen Heinrich Gomperz, am Strand von Santa Monica gefunden wurde, ertrunken, ein Suizid.

Werke (Auswahl)

1932 Werkbundsiedlung Haus Nr. 5 (Architekt Hugo Häring) – Inneneinrichtung mit Erich Boltenstern, 1130 Wien

1932 Werkbundsiedlung Haus Nr. 33 (Architekt Julius Jirasek) – Organisation der Küche, 1130 Wien

1932 Das wachsende Haus, Wettbewerb – mit Erich Boltenstern, Wiener Messegelände, 1020 Wien

Quellen

Nationalen 1928–1932 und Abgangszeugnis 30.6.1932 von Adele Gomperz aus Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst (Archiv UaK).

AT-OeSTA/ Archiv der Republik, Heinrich Gomperz

Stadtarchiv München, Nachlass Twardowski-Conrat

Ada Gomperz: Die Dame kocht, in: Profil, Hg: Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, 2.Jg./ 2, Wien 1934, S.43-47

Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 20.3.1918, Nr. 65

Max Eisler: Das „wachsende Haus“ in Wien, in: Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst, Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart, 31/ 1932, S. 289-296

Nevada State Journal from Reno, Nevada, June 23, 1954, P. 15

Sabine Plakolm-Forsthuber: Künstlerinnen in Österreich 1897 – 1938 Malerei – Plastik – Architektur, Picus Verlag, Wien,1994.

Werkbundsiedlung, internationale Ausstellung, Katalog, Wien 1932, S. 15

Werkbundsiedlung Wien 1932 Ein Manifest des Neuen Wohnens, Hg: Andreas Nierhaus, Eva-Maria Orosz, Ausstellungskatalog Wien Museum 2012-2013

https://www.werkbundsiedlung-wien.at/biografien/ada-gomperz (abgerufen 20.3.2024)

https://www.wikidata.org/wiki/Talk:Q108187180 Autodescription — The Memory Factory: The Forgotten Women Artists of Vienna 1900 (Q108187180) (abgerufen 21.3.2025)

https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I12104&tree=Hohenems (abgerufen 15.3.2025)
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Gomperz  (abgerufen 15.3.2025)

https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Gomperz_(Familie) (abgerufen 21.3.2025)

http://www.liane-zimbler.de/ (abgerufen 20.4.2026)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ada_Gomperz#cite_note-5 (abgerufen 20.4.2026)

https://archive.org/details/davidbaungardt_01_reel13/page/n12/mode/2up  (abgerufen 30.4.2026)

https://www.shebuildspodcast.com/episodes/adagomperz?rq=Gomperz

Foto Portrait: Stadtarchiv München, Nachlass von Ilse von Twardowski-Conrat

Foto Werk: Ada Gomperz: Die Dame kocht, in: Profil, Hg: Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, 2.Jg./ 2, Wien 1934, S.46

 

Abbildungen:

Foto Portrait: GOA_abb_2.jpg

Bildunterschrift: Ada Gomperz, 1917

Foto Werk: AG_idealkueche_1934.jpg

Bildunterschrift: Ada Gomperz: Ideal-Küche, Perspektive, 1934

 

Text: Christine Zwingl

April 2026