Biografie
Die Architektin Anna Klapholz zählt zu jener Generation von Architekturabsolventinnen, deren Lebensweg durch die politischen Umwälzungen der 1930er-Jahre entscheidend geprägt wurde. Aufgrund ihrer jüdischen Identität war die Familie Klapholz gezwungen, unter dem Druck des Nationalsozialismus, Österreich zu verlassen und sich fern der Heimat ein neues Leben aufzubauen.
Anna Klapholz wurde im heute polnischen Przemyśl geboren und wuchs in einer Familie mit zwei Geschwistern auf. Przemyśl war damals eine bedeutende Festungs- und Garnisonsstadt der Habsburgermonarchie und galt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als wichtiger militärischer und infrastruktureller Standort. Die Stadt war zudem ethnisch und religiös vielfältig geprägt. Im Jahr 1913 beschlossen die Eltern Chaim und Perl Klapholz, mit ihren Kindern Regina, Anna und Louis nach Wien zu übersiedeln.
In Wien bezog die Familie eine Wohnung in der Taborstraße 59/12 im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Chaim Klapholz betrieb dort ein Großhandelsgeschäft für Strickwaren, während Perl Klapholz als Hausfrau tätig war. Anna und ihre zwei Jahre ältere Schwester Regina waren Mitglieder in der zionistischen Jugendwanderbewegung „Blau Weiß“1 in Wien, die Wanderungen durch ganz Österreich organisierte, sowie Schulungen und kulturelle Veranstaltungen. Das Interesse der Schwestern am Zionismus2 ist auf ihren Vater zurückzuführen, in dessen Umfeld sie von klein auf mit den Ideen der jüdischen Nationalbewegung vertraut wurden. Er beschäftigte sich intensiv mit dem Zionismus und empfing in der Wiener Wohnung auch zionistische Aktivist:innen sowie Gäste aus dem Mandatsgebiet Palästina. Die Schwestern nahmen an Zionistenkongressen in ganz Europa teil, wie beispielsweise in Basel im Jahr 1931 und Prag 1933, wo ihnen viele einflussreiche Menschen, darunter David Ben Gurion3 vorgestellt wurde.
Zu dieser Zeit studierte Anna Klapholz bereits an der Technischen Hochschule für Architektur, wo sie unter anderem Kurse bei Karl Holey (1879-1955) und Siegfried Theiss (1882-1963) besuchte. Für jüdische Studierende war das Studium an der Hochschule jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Einerseits begrenzten antisemitische Regelungen wie ein Numerus clausus von zehn Prozent für jüdische Hörer:innen ihre Zulassung (ab 1923), andererseits häuften sich Ende der 1920er- und zu Beginn der 1930er-Jahre gewaltsame Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden an den Wiener Universitäten. So berichtete die Zeitschrift „Das Kleine Blatt“ am 26. April 1932, dass Nationalsozialisten an den Wiener Hochschulen eine „judenreine Woche“ ausgerufen und damit ihre Angriffe angekündigt hätten. An der Technischen Hochschule4 wurden jüdische und “jüdisch aussehende“ Studierende angegriffen: Sie wurden in die Gänge gedrängt, wo sie Spießrutenlaufen mussten, ihre Kleidung wurde zerrissen, „Schuhe und Socken ausgezogen und anschließend blutüberströmt aus der Aula hinausgeboxt“. Zwei (unbekannte) Architekturstudentinnen wurden vom dritten Stock in den Hof geschleift und geohrfeigt. Ob Anna Klapholz eine dieser beiden Architekturstudentinnen war, ist nicht bekannt. Dora Gad5 , die zur selben Zeit an der Technischen Hochschule studierte, befand sich in der Hochschule, als dieser Angriff geschah, konnte sich jedoch im Büro eines Professors verstecken.
Trotz allem, blieb Anna Klapholz an der Technischen Hochschule und legte am 27. Februar 1933 mit sehr gutem Erfolg die erste Staatsprüfung ab. Die zweite folgte am 5. Juni 1935. Zwei Wochen später beschloss Anna Klapholz gemeinsam mit ihrer Schwester Regina, welche im selben Jahr ihr Medizinstudium in Wien abschloss, Österreich zu verlassen und ins Mandatsgebiet Palästina auszuwandern. Die Angriffe an den Universitäten und der zunehmende Antisemitismus, aber auch ihre zionistische Haltung waren der Anlass, Wien zu verlassen. Die Eltern blieben vorerst in der Stadt und versuchten im Jahr 1939, nachdem in Wien ihr ganzer Besitz von den Nationalsozialisten arisiert wurde, nach Palästina zu emigrieren. Dafür stellten sie ein Ansuchen an die Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien – eine unter Druck der Gestapo gegründete Abteilung, die Juden und Jüdinnen dabei unterstützte, Dokumente und Devisen für die “Auswanderung“ zu beschaffen. In einem Auswanderungsfragebogen gaben sie neben persönlichen Daten und der Angabe von Beruf, Wohnort usw., das Zielland ihrer Emigration an. Ihr Ansuchen wurde schließlich genehmigt, und obwohl sie im März 1939 ohne Wohnung, ohne Besitz und ohne Geld in Wien waren, gelang es ihnen, mit dem Schiff nach Palästina zu fliehen. Mittellos gelang ihnen die Flucht – nach Auskunft von Anna Klapholzs Tochter – vermutlich nur durch finanzielle Unterstützung ihrer Töchter, die bereits in Palästina waren. Vielleicht erhielten sie die Einreiseerlaubnis auch dank früherer Verbindung zu David Ben-Gurion. Ihr Bruder Louis floh 1938 nach Palästina, nachdem er von der Gefangenschaft der Gestapo entlassen wurde.
Als ihre Eltern eintrafen, lebten Anna und Regina Klapholz bereits seit mehreren Jahren in Palästina und wohnten gemeinsam in einem Haus in der Arlozorov-Straße in Haifa. Ende der 1930er-Jahre waren insgesamt 15 Architektinnen aus Deutschland und Österreich in Palästina tätig, das seit 1920 unter britischem Mandat stand. Neben Klapholz waren auch Helene Roth und Dora Gad unter den Architektinnen, die an der Technischen Hochschule in Wien studiert hatten und nun in Palästina Fuß fassen wollten beziehungsweise mussten. Der Neuanfang in einem fremden Land war nicht einfach. Neben dem Erlernen der hebräischen Sprache, mussten sich die Architektinnen mit den örtlichen Baugesetzen, Materialien und Techniken auseinandersetzen. Trotz einiger Hürden, fanden jedoch alle Arbeit – häufig in öffentlichen Bauämtern oder in Büros von emigrierten Architekten. Hinzu kam, dass Architektinnen in dem männlich dominierten Berufsfeld Schwierigkeiten hatten, als Fachpersonen anerkannt zu werden. Sie realisierten Projekte unterschiedlicher Größenordnung, darunter städtische und ländliche Projekte, neue Stadtviertel, Schulen, Bürogebäude, Wohnhäuser und Privathäuser sowie Arbeiten im Bereich der Innenarchitektur und Möbeldesign. Im Vergleich zu europäischen Ländern war die berufliche Gleichstellung jedoch weiter fortgeschritten. Im Mandatsgebiet gestaltete sich beispielsweise der Schritt in die Selbstständigkeit einfacher. Um sich zu etablieren, arbeiteten viele Architektinnen mit männlichen Berufskollegen zusammen.
Anna Klapholz fand zunächst eine Anstellung im Architekturbüro des deutsch-jüdischen Architekten Wilhelm (Ze’ev) Haller (1884-1956) in Tel Aviv, der bereits im Jahr 1933 von Leipzig nach Palästina emigriert war. Nach etwa einem Jahr arbeitete sie für Berly & Sommerfeld, bevor sie im Jahr 1938 nach Haifa zog, um dort für das städtische Bauamt zu arbeiten, welches von dem britischen Ingenieur Lionel Watson geleitet wurde. Für das Stadtbauamt plante die Architektin im März 1939 eine Reihe von dreigeschossigen Häusern auf den Höhen des Carmel entlang der Pine Road (heute HaNassi Boulevard). Die von Klapholz geplanten Gebäude wurden 1940 im Rahmen des Stadtplans HF/578 (Abb. 2) genehmigt und im Bereich des neuen Stadtzentrums Merkaz HaCarmel gebaut. Klapholz plante sie in einer klaren, funktionalen Sprache, angepasst an das Stadtbild. Der Plan basierte auf den Prinzipien, die Patrick Geddes (1854-1932) und Richard Kaufmann (1887-1958) in ihren Plänen für das Viertel dargelegt hatten. Darüber hinaus nimmt der Plan Bezug auf bereits bestehende Gebäude im Komplex und enthält detaillierte Anweisungen für die Gestaltung der Fassaden der neuen Gebäude, die zum HaNassi Boulevard ausgerichtet sind. Ziel war ein europäisches Stadtmodell, welches Wohnen, Gewerbe und städtisches Leben integriert – mit breiten Gehwegen, Arkaden, Begrünung und urbanen Freiräumen. Die von Klapholz geplanten Gebäude (Abb. 3) zeigen eine zurückhaltende, symmetrische Fassadengestaltung mit Flachdach und einer Arkade (Kolonnade) im Erdgeschoss. Die Erdgeschosse wurden als Gewerbeflächen für Cafés, Restaurants und Geschäfte konzipiert. Die oberen zwei Stockwerke dienen als Wohn- und Büroräume. Die Gebäude sind bis heute erhalten und auch die gemischte Nutzung von Gewerbe, Wohnen und Arbeiten hat sich nicht verändert.
1941 entwarf die junge Architektin zudem Ladenfronten im Stadtviertel Haifas Hadar Carmel. Das Wohn- und Geschäftsviertel entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge der jüdischen Zuwanderung und wurde zu einem der neu entstandenen urbanen Räume der Stadt. Die britische Verwaltung investierte erheblich in den Aufbau und die Entwicklung Haifas. Ausschlaggebend dafür waren der Tiefwasserhafen, die verkehrsgünstige Lage mit Anbindung an das regionale Straßen- und Schienennetz sowie die besondere Topografie des Karmelgebirges an der Meeresbucht. Die Höhen des Karmel entwickelten sich zu einem beliebten Wohngebiet jüdischer Einwanderer. Das jüdische Wohnviertel grenzte jedoch unmittelbar am arabisch geprägten Wadi Salib. Die Trennlinie zwischen den beiden Vierteln wird im Talpiot-Markt deutlich sichtbar und verweist damit auf die räumliche Dimension des jüdisch-palästinensischen Konflikts, der sich in der Stadt auch in Streiks und Aufständen äußerte.
Anna Klapholz heiratete im Jahr 1945 den Bauingenieur Eliyahu Shpack und ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter auf die Welt.
Die Architektin blieb bis zu ihrer Pensionierung im Stadtbauamt, in dem auch ihr Ehemann in der Bauaufsichtsabteilung tätig war.
Mit der Gründung Israels 1948 und dem Ende des britischen Mandats wandelten sich die Rahmenbedingungen des Baugeschehens grundlegend. Zugleich blieb der Beitrag von Architektinnen für die Entwicklung der modernen Architektur im Land bedeutsam: Bereits vor 1948 hatten sie den Aufbau des Mandatsgebiets entscheidend mitgeprägt, und auch nach der Staatsgründung wirkten neue Generationen von Absolventinnen des Technion am architektonischen Wandel mit.
Die Biografie von Anna Klapholz (verheiratete Shpack) ist im Kontext des zionistischen Aufbauprojekts in Palästina zu sehen, das sich in den 1930er-Jahren infolge von Flucht und Verfolgung im nationalsozialistischen Europa beschleunigte. So wie viele aus Europa emigrierte Architekt:innen arbeitete auch sie an der Entwicklung neuer Städte und Viertel mit. Dabei war dieser Prozess jedoch stets auch politisch geprägt und mit Konflikten sowie der Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung verbunden und kann aus diesem Grund nicht als neutraler Modernisierungsprozess verstanden werden.
Fußnoten:
1 Der jüdische Wanderbund Blau-Weiß war eine zionistisch geprägte Jugendbewegung, die Jugendliche im Sinne der jüdischen Nationalbewegung erziehen und auf ein Leben in Palästina vorbereiten sollte. In Wien gab es diesen Bund ab 1913.
2 Der Zionismus ist eine politische Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand und die Errichtung einer jüdischen Heimstätte, später eines jüdischen Staates, anstrebte. Er entwickelte sich vor dem Hintergrund von Antisemitismus, Verfolgung und der Erfahrung jüdischer Diaspora in Europa. Zugleich war er von Beginn an Teil nationalistischer und später auch konfliktbeladener Auseinandersetzungen um das Land Palästina.
3 Die Bekanntschaft zwischen dem verheirateten Ben Gurion und Regina Klapholz vertiefte sich in den nächsten Jahren und führte zu einer Affäre, die kurze Zeit später aufflog und die damals 26-jährige Regina über Nacht berühmt machte.
4 Der damalige Rektor war Julius Urbanek. Laut der Zeitschrift “ein bekannter Hakenkreuzler”.
5 Siehe Eintrag zu Dora Gad.
Werke (Auswahl)
1939: Dreigeschossige Wohn- und Einkaufsgebäude. HaNassi Boulevard, Haifa.
1941: Ladenfronten. Herzlstraße und Nordaustraße, Haifa.
Quellen
Mein besonderer Dank gilt Dr. Sigal Davidi, die mich bei der Erstellung dieser Kurzbiografie mit wertvollen Hinweisen und hilfreichen Informationen zur Architektin Anna Klapholz unterstützt hat.
AT-TUWA / Archiv der TU Wien, Hauptkatalog 1929/1930, Anna Klapholz, Matt. Nr. 537, 20.11.1929.
Klapholz, Chaim; born 15.12.1881 in Zmigrod; married. Israelitische Kultusgemeinde. Auswanderungsabteilung (Gruppe Abfertigung). 02.03.1939, Wien. In: National Library of Israel, Archiv, Signatur bzw. NLI-Archiv-ID: NNL_CAHJP990047898320205171.
Sigal Davidi: By women for women: modernism, architecture, and gender in building the new Jewish society in Mandatory Palestine. In: arq : Architectural Research Quarterly, September 2016, Band 20, Ausgabe 3. S. 217-230.
Sigal Davidi: Architektinnen aus Deutschland und Österreich im Mandatsgebiet Palästina. In: Christina Budde / Peter Cachola Schmal / Mary Pepchinski / Wolfgang Voigt (Hg.), Frau Architekt. Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architekturberuf. S. 49-57. Tübingen, 2017.
Sigal Davidi: Modern Architecture and Gender in Pre-State Israel. Cham, 2025.
Juliane Mikoletzky, Paulus Ebner: Die Geschichte der Technischen Hochschule in Wien 1914–1955. Teil 1: Verdeckter Aufschwung zwischen Krieg und Krise (1914–1937). Wien, 2016.
Ursula Mindler-Steiner: 1932: Antisemitische Gewalt an den Universitäten – hdgö. In: Haus der Geschichte Österreichs. (Abgerufen am 10.04.2025), URL: https://hdgoe.at/antisemitismus-universitaeten. 2018.
Plattenbrüder in der Hochschule. Hakenkreuzbestien toben in der Aula. – Pedelle als Komplicen der Raufstudenten. – Die akademische Kulturschande von Wien. In: Das Kleine Blatt, 26.04.1932, Heft 116, S. 4, Wien.
Gerd Schneider, Christiane Toyka-Seid: Zionismus, in: Das junge Politik-Lexikon. Bundeszentrale für politische Bildung. (abgerufen am 04.05.2026) URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/321486/zionismus/. Bonn, 2026.
Ronny Schüler, Jörg Stabenov (Hg.): Vermittlungswege der Moderne – neues Bauen in Palästina (1923-1948). Berlin, 2019.
Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. München, 2018.
Gerhard Stadler: Die Gegenwart unserer Vergangenheit. In: Wiener Zeitung, 23.12.2003. (Abgerufen am 12.04.2025), URL: https://www.wienerzeitung.at/h/die-gegenwart-unserer-vergangenheit.
Dafna Berger Sperling: 130 Hanasi Blvd., Haifa. (abgerufen am 16.01.2026) URL: https://apps.land.gov.il/IturTabotData/nispachim/haifa/3051790/12.pdf. Haifa, 2020.
Porträt von Anna Klapholz, 1931. Privatfoto, zugesandt von Dr. Sigal Davidi, am 28.04.2026. Mit freundlicher Genehmigung verwendet.
Abb. 2: Stadtplanung Haifa: Municipal Corporation of Haifa. Pine Square. Haifa Town Planning Scheme No. 578. März 1940. Wikimedia Commons, (abgerufen am 06.05.2026) URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/he/f/f6/Pine_Square_Haifa_March_1940.jpg.
Abb. 3: Herbert Gilbert, Silvina Sosnowski: Bauhaus on the Carmel and the Crossroads of Empire: Architecture and Planning in Haifa during the British Mandate. Jerusalem 1993. S. 217 (KI-gestützte Kontrast- und Rauschoptimierung)
Abbildungen:
Porträt von Anna Klapholz, 1931
Abb. 2: Pine Square. Haifa Town Planning Scheme No. 578, 1940
Abb. 3: Pine Square, Haifa (HaNassi Boulevard), 1940
Text: Miriam Thöni
April 2026