Anna Maria Cargnelli 

Geburtsname: Mahler
Weitere Namen: Anna, Murli
geboren: 28.06.1914 in Graz, Österreich-Ungarn
gestorben: 27.05.1999 in Wien, Österreich
Religionsbekenntnis: röm. katholisch

Ausbildung
1933-1940 Technische Hochschule Wien
Anna Maria Cargnelli 
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Biografie

Der 28. Juni 1914 ist ein geschichtsträchtiger Tag. An diesem Tag wurde auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajewo ein Attentat verübt, welches als Auslöser für den Ersten Weltkrieg angesehen wird. Am selben Tag, 420 km nördlich, in Graz, kam Anna Maria als Tochter des Anwalts Dr. Hans Mahler und seiner Frau Helene, geb. Andrieu, zur Welt. Die Familie war gutbürgerlich und polyglott. Die Mutter stammte aus einer steirischen Fabrikantenfamilie mit slowenischen, französischen und griechischen Wurzeln; ihr  vom Judentum konvertierter Vater kam aus einer kunstaffinen Familie und fungierte 1914 als Grazer Gemeinderat. Die kleine Anna Maria dürfte nach ihrer Großmutter Anna Maria Andrieu genannt worden sein.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war die Familie nach Wien, in die Heimatstadt der Familie Mahler, zurückgekehrt, wo der Vater im August 1934 zum Direktor und Vorstandsmitglied der Schokoladenfabrik Stollwerck in Wien ernannt worden war. Als Tochter eines Anwalts sah sie wenig Verlockendes im Anwaltsberuf, ihre Studienwahl fiel auf Architektur. Hier könnte die familiäre Vorbelastung, als Nichte des Architekten Friedrich Mahler und Großnichte von Wilhelm Stiassny eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Ihre Großtante war die Malerin Hedwig Neumann-Pisling.

Nach Ablegung der Matura im Reform-Realgymnasium des Wiener Frauenerwerbvereins 1933, begann sie im gleichen Jahr ihr Studium an der Technischen Hochschule, mit einer kurzen Unterbrechung im Studienjahr 1935/36.Auf die Frage ihrer Kinder, warum sie sich für Architektur entschieden hat, soll sie, humorvoll, wie sie beschrieben wird, geantwortet haben, die Technische Hochschule lag am nächsten zu ihrer Wohnadresse. Und tatsächlich ist der Weg von ihrer Wohnadresse1 in der Goldeggasse, nahe dem Schloss Belvedere, zur Hochschule am Karlsplatz zu Fuß gut erreichbar.

Nach Ablegen der 1. Staatsprüfung am 6. Juli 1938 scheint sie im Wintersemester 1938 keine Prüfungen abgelegt zu haben und hatte anschließend im Sommersemester 1939 um einen Studienurlaub angesucht, um ein Semester Praxis zu absolvieren.  Es könnte aber auch einen privaten Grund gegeben haben. Nach dem Tod ihres Vaters am 22. Juli 1938, hatte sie im Frühjahr 1939 mit ihrer Mutter eine ausgedehnte Reise an die Istrianische Küste unternommen, um den Verlust zu bewältigen und Abstand zu gewinnen. Danach nahm sie das Studium wieder auf und legte am 23. Juli 1940 die 2. Staatsprüfung ab. Architektur war nur eine Facette ihrer Interessen. Sie besuchte während ihres Studiums auch einen Kosmetik – und Friseurkurs. Ob das einem persönlichen Interesse entsprach oder eine praktische Überlegung war – unter den nationalsozialistischen Rassengesetzen galt sie als sogenannte „Halbjüdin“2, was bedeutete, dass sie nicht wusste, ob sie ihr Studium abschließen und als Architektin würde arbeiten können.

Noch kurz vor dem erfolgreichen Abschluss des Studiums begann sie am 1. April 1940 bei der Baufirma Hofman & Maculan als Bauleiterin zu arbeiten, eine Tätigkeit, die sie bis Jahresende 1947 ausführte. Laut eigener Aussage war sie vorwiegend für die Durchführung von Bauten und die selbständige Kalkulation bis zur Abrechnung bei den Ostmarkwerken – den Flugmotorenwerken in Wiener Neudorf, im südlichen Wiener Umland gelegen, zuständig. Sie soll zudem im Auftrag der Fa. Hofman & Maculan bei der Firma Heinkel in Schwechat gearbeitet haben, ebenfalls ein Flugmotorenwerk, mit Verbindung und Zusammenarbeit zu Wiener Neudorf. Laut Rudolf Maculan unterstanden ihr durchgängig mehr als 200 Arbeiter:innen3.

Das Paradox, dass sie, die nach der nationalsozialistischen Politik als sogenannte “Halbjüdin” galt, trotzdem in einem Rüstungsbetrieb arbeiten konnte, kann mehrere Gründe gehabt haben. Der bekannte Name ihrer Grazer Familie mütterlicherseits Andrieu, die Fürsprache von Rudolf Maculan4, mit dem sie bis zu dessen Tod in den 1950er Jahren freundschaftlich und beruflich verbunden war – oder die mitunter durchaus widersprüchliche Anwendung der Nürnberger Rassengesetze. Was auch immer der ausschlaggebende Grund gewesen sein mag, der jüdische Teil ihrer Identität scheint für sie persönlich keine Bedeutung gehabt zu haben, was so weit ging, dass ihre Kinder nichts von diesem familiären Erbe wussten, bis sie dieses in eigenen Recherchen herausgefunden haben. Während also ein Teil ihrer Familie in die Emigration gezwungen wurde, konnte sie relativ unbehelligt in Wien verbleiben und sogar als Architektin arbeiten.

Bei allen Rüstungsbetrieben, wie den Flugmotorenwerken Wiener Neudorf5 wurde von den beauftragten Firmen – so auch Hofman & Maculan – zunehmend ausländische zivile Arbeitskräfte, sowie mit Fortschreiten des Krieges auch KZ-Häftlinge6 (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen) eingesetzt. Um den Einsatz, die Unterbringung und Versorgung der Häftlinge gewährleisten zu können, war 1943 eigens ein Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen in Wiener Neudorf errichtet worden. Der Ausländeranteil betrug ca. 80 %, die Arbeits- und Lebensbedingungen waren so schlecht, dass es auffallend hohe Zahlen an Krankmeldungen gab. So kehrten auch zivile Arbeitskräfte, die auf Heimaturlaub waren, nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück, was den Baufortschritt gefährdete.

Welchen Arbeiter:innen die junge Architektin genau vorstand, lässt sich nicht mehr eruieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Mitarbeiter:innen der Baufirmen und des Werkes, scheint sie aber einen vorurteilsfreien Umgang mit den ihr zugeteilten Beschäftigten gehabt zu haben. So erzählte sie später, dass sie einmal zu Weihnachten eine Flasche Wein mitgebracht und den Gefangenen gegeben hatte. Dabei wurde sie von einem Capo (einem Gefangenenaufseher) gesehen, der verärgert darauf reagierte und sie warnte, dass sie bald selbst in gestreifter Gefangenenkleidung herumlaufen könnte, wenn sie ihren zu freundschaftlichen Umgang nicht unterließe. Sie habe darauf geantwortet: längs oder quer gestreift7? Diese Erinnerung zeigt einen unerschrockenen Umgang, könnte aber auch einen Versuch darstellen, eine gefahrvolle Situation im Nachhinein durch eine humorvolle Erzählung zu entschärfen8. Immerhin zeugen die Nachkriegsprozesse (KZ Mauthausen Prozess und Dachauer Prozesse) von der ganzen Härte und Grausamkeit des Häftlingsalltags in Wiener Neudorf.

Die dort eingesetzten Arbeiter:innen waren exponiert und großen Gefahren ausgesetzt. Das Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrt Sterbeakten von KZ-Häftlingen, Ostarbeiter:innen und Zivilarbeiter:innen, die bei Fliegerangriffen umgekommen waren. Auch Anna Maria Mahler blieb von den Bombenabwürfen der Alliierten nicht verschont. So war sie eines Tages bei einem Bombenalarm nicht mehr rechtzeitig in einen Schutzraum gekommen und von Granatsplittern verletzt worden. Die Verletzungen waren so gravierend, dass sie nach dem Krieg einen Behindertenausweis bewilligt bekam.

Insgesamt kämpfte das Unternehmen mit dem Umstand, dass es in allen organisatorischen Bereichen zu wenig qualifiziertes Personal gab. Frauen wurden aufgenommen, aber ungern, wie ein interner Bericht zeigt.

Auch die Architektin Lionore Regnier-Perin9, die wir hier im Rahmen der Webseite schon vorgestellt haben, arbeitete zur selben Zeit wie Anna Maria Mahler für die Baufirma Hofman & Maculan.

Trotz aller Anstrengungen seitens der Betriebsleitung und NS Planer wird das Flugmotorenwerk in Wiener Neudorf, das als kostenintensivstes Rüstungsprojekt der NS-Zeit gilt, laut Wirtschaftswissenschaftlern, gleichzeitig als die größte Fehlinvestition der deutschen Kriegswirtschaft betrachtet.

Nach dem Krieg heiratete sie am 25. Oktober 1946 Paul Cargnelli und bekam zwei Söhne. Zwar reduzierte sie ihren Arbeitseinsatz aufgrund familiärer Verpflichtungen, blieb aber weiterhin in der Firma Hofman & Maculan tätig und war dort erfolgreich. Sie wurde, laut Wiener Zeitung im Juni 1946 Einzelprokuristin, ab Februar 1947 Gesellschafterin, und ein dreiviertel Jahr später in der Salzburger Zweigniederlassung, gemeinsam mit Rudolf Maculan persönlich haftende Gesellschafterin.

1955 suchte sie um die Zulassung der Ziviltechnikerprüfung zur Erlangung der Befugnis einer Architektin an. Bei dieser Gelegenheit hätte sie eine Brandschutztüre zeichnen sollen. Laut Familienerzählung hatte sie aber wenig Vertrauen in ihre Zeichenkünste und sich erfolgreich geweigert, diese zu zeichnen, aus Angst deswegen die Prüfung nicht zu bestehen. Da sie, davon abgesehen, alle Fragen positiv beantworten konnte, hat sie die Prüfung dennoch bestanden.

Am 17. Juni 1969 legte sie ihre Befugnis als Ziviltechnikerin für Hochbau wieder zurück, mit der Begründung, dass sie mit dem Erreichen ihres 55. Lebensjahres sich gänzlich aus dem Beruf zurückziehen wolle.

Anna Maria Cargnelli hat nach jetzigem Wissensstand keine eigenständigen Planungen und keine Bauten hinterlassen, die ihr zugeordnet werden können. Gleichwohl hat sie als Architektin gearbeitet, in Bauunternehmen mit großen Bauaufgaben und, wie so viele Kolleginnen und Kollegen, u.a. auch im Auftrag der nationalsozialistischen Bauindustrie. Inwieweit die Identitätszuweisung durch die Nürnberger Rassengesetze als sogenannte “Halbjüdin” und ihr Einsatz in der Rüstungsindustrie ihr Leben auf beruflicher wie privater Ebene beeinflusst haben, lässt sich nicht mehr klar beantworten. Insgesamt hat sie mit ihrer Familie wenig über die Kriegszeit und ihre Erfahrungen gesprochen und auch ihre jüdischen Wurzeln nicht thematisiert. Ihre Söhne beschreiben sie als lebenslustig, familienorientiert, resolut und vielseitig interessiert.

Die Architektur scheint in ihren späteren Jahren keine Rolle mehr gespielt zu haben. Ein Monat vor ihrem 86. Geburtstag ist sie 1999 in Wien verstorben.

 

Fußnoten:

1 Besonderer Dank gilt der Familie von Anna Maria Cargnelli, die freundlicherweise für ein Interview zur Verfügung stand

2 Person mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil

3 Dienstzeugnis von Rudolf Maculan vom 01.02.1955, Archiv Familie Cargnelli

4 Laut Abschlussbericht der Historikerkommission, die sich mit den Wiener Straßennamen beschäftigte, besaß Rudolf Maculan u. a. Mitgliedschaften bei der Vaterländische Front, NS-Studentenbund, NS-Kraftfahrkorps, NS-Schülerbund, Reichsluftschutzbund, NS-Volkswohlfahrt und Deutsche Arbeitsfront. Maculan scheint auch als „illegales“ Mitglied der NSDAP seit 1935 auf, 1938 stellte Maculan einen neuerlichen Antrag, dem 1942 (rückwirkend mit 1938) stattgegeben wurde. 1945 wurde er als „Minderbelasteter“ registriert und erhielt 1946 eine Strafe wegen unterlassener Parteimeldung, was er beeinspruchte. Das war erfolgreich und er wurde 1947 aus der Liste der registrierungspflichtigen Personen gestrichen.

5 Die Flugmotorenwerke Ostmark wurden als ein Unternehmen des Reichsluftfahrtministeriums und der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG im April 1941 für die Produktion des Junkers-Flugmotors (Jumo 222) gegründet.

6 Stand 2009 geht die Forschung von insgesamt etwa 400 bis 450 Häftlingen aus, die im KZ-Außenlager Wiener Neudorf an den Folgen von Unterernährung, Krankheit und schlechter Behandlung umgekommen, bzw. ermordet worden waren.

7 Die Kleidung von KZ-Häftlingen war längsgestreift

8 ein nicht unübliches Verhalten, wie man aus der Traumaforschung weiß.

9siehe Eintrag zu Lionore Regnier-Perin

 

Werke (Auswahl)

1916 Mappe Einfacher Hausrat, mit zwei Entwürfen von Elisabeth Niessen, Schrankentwurf und Kasten mit Glastürfgel

ab 1917 angestellt am Wiener Stadtbauamt in der Plan- und Schriftenkammer

1929 Raumgestaltungen eines Musikzimmers und des Raumes für Handarbeiten bei der Ausstellung Das Bild im Raum der Wiener Frauenkunst, im Museum für Kunst und Industrie Wien

Quellen

AT TUWA,  Hauptkatalog 1933/1934, Anna Mahler, Matr. Nr.218-1933/1934, Fortsetzung Hauptkatalog 1936/37, Matr. Nr. 365-1936/37

Privat-Archiv Familie Cargnelli

AT-OeSTA/AdR, HBbBuT BMfHuW Titel ZivTech A-G 1049, Anna Maria Cargnell

AT-OeSTA/AdR, AdR HBbBuT BMfHuW Titel ZivTech A-G 1050, Anna Maria Cargnelli

AT-OeStA/AdR HBbBuT BMfHuW Titel ZivTech A-G 1051

AT-OeSTA/Archiv der Republik, AdR ZNsZ Gauakten & Erfassungsanträge GA 194.550 Maculan Rudolf

Geoffrey P. Megargee: Mauthausen Subcamp System, The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933-1945, Volume I, 2009

Beate Meyer: ‘Jüdische Mischlinge’. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945, Studien zur jüdischen Geschichte Bd.6, Stiftung Institut für die Geschichte der Deutschen Juden (Hrg.).

Juliane Mikoletzky, Ute Georgeacopol-Winischhofer, Margit Pohl: Dem Zug der Zeit entsprechend…Zur Geschichte des Frauenstudiums in Österreich am Beispiel der Technischen Universität Wien, (Schriftenreihe des Universitätsarchivs: Universität Wien), 1997.

Bertrand Perz: Die Errichtung eines Konzentrationslagers in Wiener Neudorf. Zum Zusammenhang von Rüstungsexpansion und Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen, in: Jahrbuch DÖW 1988.

Michaela Raggam-Blesch: ‚Mischlinge‘ und ‚Geltungsjuden‘, Alltag und Verfolgungserfahrungen von Frauen und Männern „halbjüdischer“ Herkunft in Wien, 1938–1945, in: Andrea Löw, Doris Bergen, Anna Hájková (Hg.): Alltag im Holocaust. Jüdisches Leben im Großdeutschen Reich 1941-1945, München–Oldenbourg 2013

Wiener Neudorf, in The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933-1945, Indiana University Press, Volume I, 2009.

Internal information magazine, Nr. 1-18, Friedrich Bruno Andrieu, Entrepreneur and founder of Ironworks in Store, 20.08.2018.

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Rudolf_Maculan (aufgerufen 21.02.2025)

http://www.tenhumbergreinhard.de/taeter-und-mitlaeufer/gerichtsverfahren-nach-1945/lg-wien-27e-vr-1665-64.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Halbjude

https://collections.arolsen-archives.org/en/document/82327588

https://gangoly.com/gedenkverein/lageralltag.html

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Au%C3%9Fenlager_Wiener_Neudorf

http://www.tenhumbergreinhard.de/taeter-und-mitlaeufer/gerichtsverfahren-nach-1945/lg-wien-27e-vr-1665-64.html

https://www.airpower.at/news03/0813_luftkrieg_ostmark/timeline.htm

https://www.mauthausen-guides.at/aussenlager/kz-aussenlager-guntramsdorf-wiener-neudorf

Wiener Zeitung, 19.06.1946, S.8 unter Firmenprotokollierungen

Wiener Zeitung, 22.02.1947, S.6 unter Firmenprotokollierungen

Amtsblatt der Wiener Zeitung, 05.11.1947, S.5 unter Firmenprotokollierungen

https://www.mauthausen-guides.at/aussenlager/kz-aussenlager-guntramsdorf-wiener-neudorf

http://www.geheimprojekte.at/firma_flumo-ostmark_wr-neudorf.html

 

Abbildungen:

Portrait: Privat-Archiv Cargnelli

Text: Christine Oertel

April 2026