Leopoldine Schrom

Geburtsname: Slotwinski
weitere Namen: Poldi
geboren: 29.01.1900 in Napajedl, Ungarisch Hradisch, Mährisch-Schlesien, Österreich-Ungarn
gestorben: 20.05.1984, Wien, Österreich
Religionsbekenntnis: röm. katholisch

Ausbildung:
1923-1924 Kunstgeschichte an der Universität Wien
1923-1940 Technische Hochschule Wien,
1940 exmatrikuliert
Leopoldine Schrom
Leopoldine Schrom
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Entwursskizze von Leopoldine Schrom für das Portal der Confiserie Garrido & Jahne, um 1932, Wien I, Operngasse 10, Atelier Franz Singer
Leopoldine Schrom, Café Weimarerhof, um 1950, Wien XVIII, Abt-Karl-Gasse 25

Biografie

Leopoldine Schrom gehört zu den vielseitigen Frauen der frühen Moderne, die trotz widriger Umstände ein Leben als Architektin aufbauen konnte. Geboren als Leopoldine Slotwinski am 29. Jänner 1900 in Napajedl, einem in Mähren gelegenen Kurort der Monarchie, war sie die Tochter des Geigenbauers Stanislav Slotwinski und der Modistin Marianna Viktoria (Maya) Golebiowski. 1923 adoptierte der Bahnbeamte und Bildhauer Alexander Schrom Leopoldine und ihren Bruder Wilhelm – der Familiengeschichte nach, der biologische Vater – weshalb es zum Namenswechsel kam. Nach der Matura 1918 in Laa an der Thaya absolvierte sie einen Abiturientenlehrgang an der Handelsakademie und erwarb Kenntnisse in Maschinenschreiben und Stenografie. Anfang der 1920er Jahre lebte sie in Frankfurt bei ihrer Tante Poldi Schrom (Sangora) und deren Mann Wilhelm Schröder-Schrom, einem erfolgreichen Theaterschauspielerpaar. Diese Zeit war ein wichtiger Abschnitt in Leopoldine Schroms Leben, einerseits war das Leben in einem Künstlerhaushalt aufregend, andererseits war es ein wichtiger Schritt aus der Provinz in ein städtisches Umfeld. Zurück in Wien inskribierte sie 1923/24 Kunstgeschichte, gleichzeitig auch an der Technischen Hochschule Wien, wo sie zu den ersten Studentinnen zählte. Um ihr Leben und ihr Studium zu finanzieren, arbeitete sie ab 1927 für die niederländische Schriftstellerin Else Otten, die sie im Hause ihrer Tante kennengelernt hatte, als Sekretärin und Assistentin. Über Otten traf sie bedeutende Künstlerinnen und Künstler der Zeit, darunter Alexander Calder und Marie Laurencin und bereiste Paris, Amsterdam und Berlin. 1929 trat Schrom auf Empfehlung ihrer Studienkollegin Anna Szabo in die Ateliergemeinschaft1 von Friedl Dicker2 und Franz Singer ein und arbeitete dort als technische Zeichnerin. Sie verfasste Detailpläne, entwickelte Konstruktionsdetails für Möbel und beaufsichtigte Baustellen. Unter anderem zeichnete sie für das Confiseriegeschäft Garrido & Jahne in der Wiener Operngasse, den Montessori-Kindergarten im Goethe-Hof und die Einrichtung der Privatwohnung von Hedy Schwarz im ersten Wiener Hochhaus mitverantwortlich. Auch entwarf sie 1934 einen Grammophontisch für Grete Neumann und plante 1936 eine Sitzbank für das Gästehaus3 von Auguste-Olympe Hériot.

Als sich die politische Lage Anfang der 1930er Jahre zunehmend verschärfte, verließen beide Ateliergründer:innen Wien: Friedl Dicker, die als Kommunistin und Jüdin unter Druck geriet, emigrierte 1933 in die Tschechoslowakei; Franz Singer4 kehrte 1934 nach der Ausschaltung des Parlaments nicht mehr aus dem Ausland zurück und ließ sich in London nieder, wo schon seine Frau und sein Bruder lebten. Österreich war für jüdische Avantgardisten nicht mehr sicher. Ab diesem Zeitpunkt trug Leopoldine Schrom zunehmend allein die Verantwortung für den Fortbestand des Wiener Ateliers. 1934 übernahm sie die Räumlichkeiten der jüdischen Architekten Berger und Ziegler, die beide emigrieren wollten und baute sich ein eigenes Büro auf, blieb aber weiterhin für Singer tätig. Interessant ist, dass sie ihr Studium nie abschloss, die gewonnene Erfahrung durch die Praxis aber ausreichte, um als Architektin tätig sein zu können.

Sie arbeitete an Stahlrohrmöbeln und Zeichnungen für die niederländische Firma Metz & Co., entwickelte 1935/36 gemeinsam mit Singer und Jenny Pillat den Möbelbau-Kasten für Kindermöbel und beaufsichtigte von Wien aus (Franz Singer von London aus) das aufwändige Projekt des Umzugs der Villa Neumann von Reichenberg nach Prag. Trotz enormer finanzieller Schwierigkeiten und mühsamer Kommunikation mit Singer hielt sie das Atelier bis 1938 aufrecht und rettete die Unterlagen unbeschadet durch die Kriegswirren.

Während der NS-Zeit leistete Schrom mutigen Widerstand. Ihr Cousin Richard Erdoes, der als „Halbjude“ galt5, lebte ab 1938 als sogenanntes U-Boot in ihrem Atelier in der Lerchenfelderstraße, bis er 1939 in die USA emigrieren konnte. Ebenso versteckte sie die jüdische Modistin Babette Staudacher6. Für das Verstecken von Juden und Jüdinnen drohte Haft oder Tod – Schrom ging dieses Risiko ein.

Als selbstständige Architektin kam sie während des Krieges, wegen mangelnder Aufträge, kaum über die Runden und war auf die Unterstützung ihres Vaters angewiesen. Im Herbst 1944 wurde sie als Hilfsköchin dienstverpflichtet und nach Neudorf/Novo Selo im Burgenland eingeteilt, wo sie, gemeinsam mit lokalen Frauen für beim Südostwall eingesetzte Zwangsarbeiter und die Bewacher:innen kochen musste. Ein Teil der Bevölkerung des mehrheitlich kroatischstämmigen Ortes stand den Nationalsozialisten kritisch gegenüber, was Leopoldine Schrom half unbeschadet über diese Zeit zu kommen. Sie freundete sich mit ihren Quartiergebern, der Familie Bauer, an, mit der sie zeitlebens in freundschaftlichem Kontakt blieb.

Nach dem Krieg nahm sie den Betrieb in ihrem beschädigten Atelier in der Lerchenfelderstraße wieder auf. Einer ihrer ersten Aufträge war die Einrichtung der Wohnung von Regisseur Berthold Viertel und Schauspielerin Elisabeth Neumann-Viertel nach deren Rückkehr aus Hollywood, wobei erhaltene Möbel von Franz Singer neue Verwendung fanden. Weitere Projekte folgten, darunter die Büroeinrichtung der Wasserpumpenfirma Vogel in Stockerau und das Lokal Weimarer Hof in Wien. Sie spezialisierte sich als Innenarchitektin auf Geschäftsbauten, Arztpraxen und frühe Supermärkte.

Leopoldine Schrom starb am 20. Mai 1984 in Wien und wurde am Friedhof Ober St. Veit beigesetzt. Ihren Nachlass vermachte sie ihrem Neffen, dem Architekten Georg Schrom, der sich dafür einsetzt, dass ihr Werk als Architektin und ihre mutige Haltung im Widerstand nicht in Vergessenheit gerät.

Fußnoten: 1 Die beiden jüdischen Architekt*innen, die ihre Ausbildung am Bauhaus in Weimar erhalten hatten, hatten in Wien ihr Büro 1925 eröffnet und viele Aufträge für das Sozialprogramm der Gemeinde Wien, also im Roten Wien, übernommen. Dabei Kindergärten gebaut und eingerichtet, ebenso wie beim Projekt „Jugend am Werk“, das sich mit der Resozialisierung Jugendlicher durch handwerkliche Ausbildung befasste. 2 siehe Eintrag zu Friedl Dicker 3 1932 bauten Friedl Dicker und Franz Singer das spektakuläre Gästehaus in einem weitläufigen Garten im Pratercottage. Um 1960 wurde das Gästehaus, da es seit Anfang der 1940er Jahre unbewohnt war und massive Schäden aufwies, abgerissen. 4 Franz Singers Hauptwohnsitz war ab 1934 in London. Er kehrte aber zwischen 1934 und 1937 für Kurzaufenthalte und Arbeitsaufträge mehrfach nach Wien zurück. 5 Nach seiner Emigration wurde Richard Erdoes in den USA ein bekannter Künstler, Illustrator, Publizist und Kämpfer für die Rechte der Native Americans. 6 Babette Staudacher, geborene Pollak, war in Wien geboren, in Berlin mit einem Arzt verheiratet und nach der Scheidung nach Wien zurückgekehrt. Wann und warum sie wieder nach Berlin ging, ist unbekannt. In Berlin wurde sie verhaftet und im August 1943 nach Auschwitz deportiert. Sie hat das KZ nicht überlebt.

Werke (Auswahl)

Mitarbeit im Atelier Franz Singer & Friedl Dicker

1930 Umbau und Einrichtung der Wohnung Dr. Max Reymers und Stella Reymes- Münz, Goldeggasse 1, 1040 Wien (mit Franz Singer)

1931 Wohnung Dr. Elsa Spitzer, Zilina, Slowakei (mit Franz Singer)

1931-1932 Einrichtung des Montessorikindergartens im Goethehof, Schüttaustraße 1, 1220 Wien (mit Franz Singer, Anna Szabó, Hans Biel, Friedl Dicker)

1932 Ladenbau und Einrichtung Confiseriegeschäft Garrido & Jahne in der Operngasse 10, 1010 Wien (mit Franz Singer)

1932 Umbau und Einrichtung der Wohnung Dr. Eduard Kronengold und Dr. Stefanie Haaz-Kronengold, Gußhausstraße 4, 1040 Wien (mit Franz Singer)

1932 Kleinwohnung Hedy Schwarz im Hochhaus Herrengasse, 1010 Wien (mit Franz Singer)

1933 Bau und Einrichtung des Gästehauses Auersperg-Hériot, Bau eines Glashauses, Änderungen an der Gartenanlage, Rustenschacherallee 30, 1020 Wien (mit Franz Singer, Hans Biel, Anna Szabó)

1933 Umbau und Einrichtung der Ordination und Wohnung Primarius Dr. Egon Waltuch und Dr. Gertrude Löwenstein-Waltuch, Pelikangasse 5, 1090 Wien (mit Franz Singer)

1933 Zimmer in der Wohnung Julius Eugen Tarnay, Zelinkagasse 11, 1010 Wien (mit Franz Singer)

1934 Konditorei Erwin Ratz, Ecke Schottengasse und Freyung, 1010 Wien (mit Franz Singer)

1934 Ergänzungen und der Wohnung Melanie Horeschovsky, Posthorngasse 8, 1010 Wien (mit Franz Singer)

1934 Einrichtung der Ordination und Wohnung für Dr. Olga Diben (oder Dieben), Jelgava, Lettland, (event. mit Franz Singer)

1935 Fassadenumbau der Villa Baron Gutmann, Rustenschacherallee 28, 1020 Wien (mit Franz Singer, Anna Szabó)

ab 1936 Mitarbeit an der Entwicklung eines Baukastenspiels “Baukasten für Kindermöbel und -spiele” (mit Franz Singer und Jenny Pillat)

1936 Entwürfe für Kleinhauswohnbauten “wachsende Häuser” in Palästina für die Palestine Economic Corporation

1936 typisierte Möbel für Metz & Co (mit Franz Singer)

1936 Umbau und Einrichtung der Wohnung Dr. Rudolf und Dolly Kriser, Lange Gasse 67, 1080 Wien (mit Franz Singer)

1936 Umbau und Einrichtung der Wohnung Gerty Spitz, Vegagasse 21, 1190 Wien (mit Franz Singer)

1937-1938 Umbau und Einrichtung der Wohnung Franz Neumann, Na Hanspaulce 3, Prag, Tschechien, (mit Franz Singer, Friedl Dicker, Jenny Pillat)

1937-1938 Wohnung Rosa Schweinburg, Pyrkergasse 2a, 1190 Wien (mit Franz Singer)

Eigene Arbeiten

1945 Umbauarbeiten in den Tagesheimen Spallartgasse 30, 1140 Wien und Maroltingergasse 2, 1160 Wien

1947: Einrichtung für die Erzieher Schule und Internat in Langenzersdorf.

1948 Wohnungseinrichtung für Berthold und Elisabeth Neumann-Viertel, Riemergasse, 1010 Wien und am Grundlsee.

1950-60 Geschäftslokale für die Prante, TextilhandelsgesmbH. Wien,

Textilwerke Schindler, Schindler Weben, Voralberger Baumwollindustrie.

Café Weimarerhof, Abt-Karlgasse 25, 1180 Wien

Büroeinrichtung für die Wasserpumpenfirma Vogel in Stockerau, mit einem Prototyp für einen Armlehnstuhl für das Direktionszimmer

1957 (?) Renovierungsarbeiten an der Rothschild Gruft von Wilhelm Stiassny am Zentralfriedhof

1960-80 Geschäftslokale für Schleiffelder Optik, Graben 22, 1010 Wien  Wohnungseinrichtungen, Einzelmöbelentwürfe, Arztordinationen und frühe Supermärkte

Quellen

AT TUWA Hauptkatalog 1928/1929, Leopoldine Schrom Matr. Nr. 345-1923/1924, Fortsetzung Hauptkatalog 1939/40 Matr. Nr. 95-1939/40

Archiv Georg Schrom

Arolsen Archiv: https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/127213129?s=babette%20staudacher&t=245242&p=0

Interview mit Mag. Peter Huisza am 2.12.2024 in Wien

Richard Erdoes: Der Donnerträumer, Erinnerungen, Österreichische Exilbibliothek, Wien, 1999.

Katharina Hövelmann, Andreas Nierhaus, Georg Schrom: Atelier Bauhaus, Wien: Friedl Dicker und Franz Singer, Wien 2022.

Georg Schrom: Architektur als Bühne., Die Laboratorien von Friedl Dicker und Franz Singer, in: Hövelmann, Nierhaus, Schrom: Atelier Bauhaus, WienS. 49 – 59.

Georg Schrom, Friedl – she was the best, in: Szenen des Exils, Hg. von Thorsten Sadowsky, Weitra: Verlag Bibliothek der Provinz, 2020, S.28–31.

Georg Schrom, Stefanie Trauttmansdorff, Kat. Franz Singer & Friedl Dicker – 2 X Bauhaus in Wien, Universität für angewandte Kunst in Wien, 1988.

Andrea Seeber: Bauhaus in Wien – Leopoldine Schrom, Wahlseminar an der TU Wien, Architekturtheorie, Institut für Architekturwissenschaften, o.J.

https://www.architektenlexikon.at/de/723.htm

Der melancholische Schmerzensmann der Belle Époque. Auguste-Olympe Hériot, Rustenschacherallee 30 (ab 1929)

https://musiklexikon.ac.at/ml/musik_H/Heim_Emmy.xml

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Rechnitz

https://de.wikipedia.org/wiki/Untergetauchte_Juden_w%C3%A4hrend_des_Nationalsozialismus

Abbildungen

Alle Fotos: Copyright Archiv Georg Schrom

Foto Porträt: Bildunterschrift: Leopoldine Schrom im Atelier Friedl Dicker – Franz Singer, um 1930, Wien VI, Schadekgasse 18

Foto Werkbild 1: Bildunterschrift: Entwursskizze von Leopoldine Schrom für das Portal der Confiserie Garrido & Jahne, um 1932, Wien I, Operngasse 10, Atelier Franz Singer

Foto  Werkbild 2: Bildunterschrift: Leopoldine Schrom, Café Weimarerhof, um 1950, Wien XVIII, Abt-Karl-Gasse 25

Text: Christine Oertel

April 2026