Biografie

Der Name Dora Gad mag in Österreich nicht vielen geläufig sein, in Israel zählte die Architektin zu den bekanntesten und erfolgreichsten des 20. Jahrhunderts. Noch heute lassen sich viele Zeugnisse ihrer Arbeit in Israel finden. Aber wer war diese bemerkenswerte Frau, die ihre Ausbildung in Wien absolviert hat?

Dora Gad geborene Siegel wurde 1912 als Tochter des Staatsbeamten Baruch Siegel, in Câmpulung, Bukowina, im heutigen Rumänien geboren. Die knapp 170 km nördlich von Bukarest gelegene Stadt war zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch Teil der Habsburgermonarchie. Die Familienverhältnisse waren schwierig, da der Vater oft abwesend und wenig unterstützend war. Die Organisation der Familie blieb daher überwiegend in den Händen der Mutter. Unterstützung kam von der weitläufigen Verwandtschaft. Ihrem Großvater, einem Schneider, scheint Dora besonders nahe gewesen zu sein.  Obwohl einige Mitglieder der Familie Analphabeten waren, wurde bei ihr und ihrem jüngeren Bruder Wert auf Bildung gelegt. Die Liebe zur Architektur wurde früh geweckt, und auch wenn ihr Großvater ihrem Wunsch, Architektin zu werden, skeptisch gegenüberstand, war sie selbstbewusst genug, an ihr Ziel zu glauben. So soll sie auf die Frage ihres Großvaters, wie eine Frau denn Architektin sein könne und was sie denn bauen wolle, geantwortet haben: Häuser, Schiffe und solche Sachen. Nach Abschluss ihrer Schullaufbahn übersiedelte sie 1930 nach Wien und begann hier im Wintersemester 1930/31 das Studium an der Technischen Hochschule.

Bereits zwei Jahre später, am 27. Februar 1933 legte sie die 1. Staatsprüfung, am 17. Jänner 1935 die 2. Staatsprüfung ab. Mit dem fertigen Diplom in der Tasche, ging sie zuerst nach Bukarest, arbeitete dort bei Duiliu Marcu, damals einem der bekanntesten rumänischen Architekten, kehrte aber knapp 1 Jahr später nach Wien zurück, um ihren ehemaligen Studienkollegen Heinrich Goldberg, der nach der Emigration seinen Namen zuerst in Yehezkel Goldberg, den Nachnamen später dann in Gad geändert hatte, zu heiraten. Da er ein überzeugter Zionist war und eines der begehrten Einreisevisa in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina erhalten hatte, verließen sie 1936 gemeinsam Österreich in Richtung Palästina.

Während das junge Paar noch rechtzeitig die Auswanderung aus Österreich geschafft hatte, waren andere Familienmitglieder nicht so glücklich. So soll ihr jüngerer Bruder Opfer der Shoah geworden sein, über das Schicksal der anderen Familienmitglieder wissen wir nichts.

Wie viele deutschsprachige Architekten im Exil, fanden beide Arbeit in den Büros anderer deutschsprachiger Architekten, die schon früher ins Land gekommen waren. Dora Goldbergs (später Gad) erste Arbeitsmöglichkeit war im Architekturbüro von Oskar Kaufmann, der bis zu seiner Emigration 1933 in Berlin ein gefragter Architekt, v.a. Theaterarchitekt, gewesen war. Ihr Mann wurde im Büro von Alfred Abraham aufgenommen und war damit ein Arbeitskollege einer anderen österreichischen Architektin, Helene Roth, die wir hier im Rahmen des Forschungsprojektes schon vorgestellt haben.

1938 bereits schaffte Dora Gad den Sprung in die Selbständigkeit und eröffnete ihr erstes Büro für Innenarchitektur und Möbeldesign. Sie passte sich schnell an die neuen Möglichkeiten an und entwickelte einen leichten und modernen Stil. Das schlichte Design ihrer Entwürfe und die Verwendung lokaler Materialien fanden viel Anklang. Im Laufe der Zeit hatte sie einen eigenen Stil entwickelt, der unverkennbar von ihrer österreichisch-europäischen Ausbildung beeinflusst war, gleichermaßen aber stark von der Energie ihrer neuen Heimat geprägt wurde. Ab den 1950er Jahren verwendete Gad verstärkt symbolische Motive in ihrer Dekoration, mit biblischen, archäologischen und zionistischen Themen, die das Ideal des jungen Staates darstellten. Das wurde gewissermaßen zu ihrem Markenzeichen. Gleichzeitig hielt sich ihre künstlerische Sprache an die moderne Ästhetik und repräsentierte die Bescheidenheit, Einfachheit und den innovativen Geist des jungen Staates. Dora Gad legte großen Wert darauf, israelische Kunst in die von ihr gestalteten öffentlichen Räume zu integrieren und einzelne Künstlerinnen und Künstler sowie die israelische Kunst als Ganzes zu fördern. Als Beispiele seien hier ihr Hotelinterieurs genannt, aber auch die von ihr eingerichteten öffentlichen Bauten tragen ihre Handschrift.

1942 war Yehezkel Gad (ehemals Heinrich Goldberg) in das Büro seiner Frau gewechselt und gemeinsam avancierten sie in den 1940 und 1950 Jahren zu einem gefragten Innenarchitekturbüro, das private, aber auch prestigeträchtige öffentliche Projekte, wie die Einrichtung der Residenz des Ministerpräsidenten David Ben-Gurion, die Nationalbibliothek, oder die EL AL Büros umsetzte. In den ersten Jahrzehnten nach der israelischen Staatsgründung spielte Dora Gad eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung von Projekten für die neu gegründeten nationalen Institutionen, wie des Parlaments. Auch nach dem Tod ihres Mannes 1958, setzte sie ihre Tätigkeit fort, ab 1959 in einer Partnerschaft mit ihrem ehemaligen Mitarbeiter Arieh Noy, die bis 1976 andauern sollte. 1959 heiratete sie in zweiter Ehe den Ex-General und Geschäftsführer der israelischen Fluglinie EL-AL Ephraim Ben-Artzi. Um nicht in einen arbeitsrechtlichen Konflikt zu geraten, hatte sie nach der Eheschließung keine Aufträge mehr für die Ausstattung EL-AL angenommen, zumindest so lange ihr Mann Geschäftsführer der EL-AL war.

1966 erhielt sie schließlich den renommierten Israel Preis für Architektur für ihren Entwurf des Israel-Museums in Jerusalem. Sie war damit die erste Frau, die jemals diesen Preis erhalten hatte. Sie hat aber noch weitere Preise erhalten, wie den Regalo d’Oro-Preis oder den Yakir-Preis des Council for a Beautiful Israel.

Sie hat bis ins hohe Alter gearbeitet. Im Alter von 82 Jahren, 1994 gestaltete das renommierte Tel Aviv Museum of Art eine Retrospektive zu Dora Gads erfolgreicher 50-jähriger Karriere, die sie, nicht überraschend, selbst konzipiert hatte. Einmal mehr erwies sie sich als Pionierin: Bis heute hat keine andere Architektin in Israel eine Retrospektive gezeigt.

Ende 2003 starb sie 91-jährig in Caesarea in Israel.

Werke (Auswahl)

1950: Residenzen des Ministerpräsidenten David Ben-Gurion, und des Außenministers Mosche Scharet, beide Jerusalem

1950–55: Haus Moshe Sharet

1952: Haus Nahum Goldman

1955: The Sharon and Accadia Luxury Hotels (Herzliyyah)

1956: Nationalbibliothek in Jerusalem

Israelische Botschaften in Washington, D.C. und Ankara

1956: Das Büro der EL AL in New York  

1959:  Das Büro der EL AL in London

1960-1970: Charles Clore Soldier’s House in Jerusalem

1955-1975: Die Schiffe von ZIM der ersten israelischen Schiffsfahrtslinie 

1958: Hatam Sofer Steet: Wohnhaus und Architekturbüro 

1965: Das Hilton Hotel in Tel Aviv  

1965, Das Israel Museum

1966, Knesset (Israelisches Parlament)

1974: Das Hilton Hotel in Jerusalem  

1974 Haus Gad-Ben-Arzi, (ihr Wohnhaus mit ihrem 2. Mann)

1970 und 1974: Der EL AL Schalter am Kennedy Flughafen in New York 

1973: Der Ben Gurion Internationale Flughafen 

1980: Die Bank of Israel in Jerusalem

1984-1985: Die Residenz des Präsidenten in Rehavia, Jerusalem 

1988: Haus Nachtomi, 

Preise

1966: Israel-Preis für Architektur mit Al Mansfeld für den Entwurf des Israel-Museum, Jerusalem

Regalo d’Oro-Preis beim internationalen Fertigteile-Wettbewerb der Zeitschrift Domus

1970: 1. Preis beim Industriedesign-Wettbewerb des British Coal Board für einen vorgefertigten Kamin

1979: Yakir-Preis des Council for a Beautiful Israel

Quellen

AT TUWA, Archiv der TU Wien, Hauptkatalog 1928/1929, Dora Siegel, Matr. Nr. 771-12.12.1930

The National Library of Israel

Mary Pepchinski, Christina Budde, Wolfgang Voigt, Peter Cachola Schmal (Hg.): Frau Architekt: Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architektenberuf, Frankfurt am Main, 2017

Mary Pepchinski, Christina Budde: Women Architects and Politics: Intersections between Gender, Power Structures and Architecture in the Long 20th Century, Bielefeld, 2022

https://www.shebuildspodcast.com/episodes/doragad

The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women, https://jwa.org/encyclopedia/article/gad-dorah

Helene Roth

https://alchetron.com/Dora-Gad

https://de.wikipedia.org/wiki/Dora_Gad

Foto: Dora Gad, 1966, © The Dora Gad Archive, at The Israel Architecture Archive (IAA) at The National Library of Israel, Referenznummer: PDoGa-002-034-002

Foto: Knesset, 1966, © The Dora Gad Archive, at The Israel Architecture Archive (IAA) at The National Library of Israel, Referenznummer: PDoGa-002-020-002, Fotograf: Keren Or

Foto: Innenaufnahme des Hilton Hotels in Tel Aviv, 1965, © Israel Museum: The Dora Gad Archive, at The Israel Architecture Archive (IAA) at The National Library of Israel, Referenznummer:  PDoGa-002-035-008, Photo Sadeh

 

Text: Christine Oertel

Jänner 2024

Ilse Bernheimer

Geburtsname: Bernheimer
Weitere Namen: Elsa
geboren: 20. 03.1892 in Wien, Österreich-Ungarn
gestorben: 28. 02.1985 in Venedig, Italien
Religionsbekenntnis: evangelisch
Emigration: 1938 nach Italien

Ausbildung
1907 – 1908 Kunstschule für Frauen und Mädchen
1908 – 1909 Kunstgewerbeschule als Gast für Hilfsfächer
1909 – 1912 Hospitantin bei Larisch, Kenner, Cizek
1911 – 1912 Fachklasse für Ornamentale Formenlehre Prof. Franz Cizek
1912 – 1916 Fachklasse für Malerei Prof. Koloman Moser

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Elisabeth Nießen

weitere Namen: Else Niessen
geboren: 14.06.1884 Bielitz in Schlesien, Österreich-Ungarn
gestorben: ?
Religionsbekenntnis: evangelisch

Ausbildung
1913 – 1917 Kunstgewerbeschule Wien, Fachklasse Architektur Heinrich Tessenow

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Brigitte Muthwill-Kundl

Geburtsname: Kundl
geboren: 11.03.1906, Borisgwerk, Österreich-Schlesien
gestorben: 08.10.1992, Salzburg
Religionsbekenntnis: Evangelisch

Ausbildung
1927-1929 a.o. Studentin, Technische Hochschule Wien
1929-1935 Studentin, Technische Hochschule Wien (Abschluss als Ing. Dr. techn., Architektin)

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Edith Matzalik

geboren: 22.09.1903 in Brünn, Mähren, Österreich-Ungarn
gestorben: 21.1.1968 in Wien, Österreich
Religionsbekenntnis: evangelisch A.B.

Ausbildung
1919 – 1921 Staatsgewerbeschule für Baufach Wien 1
1921 – 1924 Kunstgewerbeschule Wien, Fachklasse Architektur Oskar Strnad
1924 – 1926 Technisch-gewerbliche Lehranstalt Wien 1, Abteilung Hochbau

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Erna Grigkar

Geburtsname: Kapinus
geboren: 23.06.1909, Wien, Österreich-Ungarn
gestorben: 2001
Religionsbekenntnis: Evangelisch H.B.

Ausbildung
1928/29 Wiener Frauen-Akademie
1929/30 Kunstgewerbeschule, Wien
1930-1935 Technische Hochschule, Wien

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Elisabeth Hofbauer-Lachner

Geburtsname: Lachner
geboren: 5. Juli 1913 in Wien, Österreich-Ungarn
gestorben: 20.08.1977 in Wien, Österreich
Religionsbekenntnis: evangelisch

Ausbildung:
1931 – 1939: Technische Hochschule Wien

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