Georg-Emmerling-Hof, Obere Donaustraße 97–99, 1020 Wien

Biografie

Ein Jahr vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs geboren, wuchs Elisabeth Lachner als Tochter des Architekten und Stadtbaumeisters Karl Lachner in bürgerlichen Verhältnissen, in einem villenähnlichen Mehrfamilienhaus, nahe dem Schloss Schönbrunn im 12. Wiener Gemeindebezirk auf.  Der Beruf des Vaters mag ihren Ausbildungswunsch mitbeeinflusst haben. Jedenfalls entschied sie sich, nach Ablegung der Matura, Architektur zu studieren und inskribierte im Wintersemester 1931/32 an der Technischen Hochschule in Wien. Sie war eine sehr gute Studentin, die ihre Prüfungen mit ausgezeichneten Noten ablegte. Die erste Staatsprüfung hatte sie mit ‘Sehr Gut’ bestanden, die Zweite schloss sie am 20. Jänner 1937 sogar mit Auszeichnung ab. Schon während ihres Studiums hatte sie 1936 an einem Wettbewerb teilgenommen, und einen Entwurf für eine Volksschule eingereicht.  Zwischen Februar und Juni 1937 sammelte sie erste Praxiserfahrung bei ihrem Vater, in dem sie Baupläne und Kostenvoranschläge verfasste.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung, konnte sie an einer Wettbewerbseinreichung mit Architekt Karl Dirnhuber arbeiten, bei der es um einen Entwurf für das Messegelände in Wien ging, das allerdings nicht den 1. Preis erzielte. Im Anschluss war sie bei Josef Unger, einem Architekten in Heilbronn am Neckar beschäftigt, fertigte Entwürfe für Siedlungsbauten, Wohn- und Landhäuser an und erstellte Bauvorlagen, Arbeits- und Detailpläne samt Kostenvoranschlägen. 

Um als Architektin arbeiten zu können, musste Elisabeth Lachner, wie alle anderen Architektinnen und Architekten, Künstler*innen sowie alle Ausführenden in kreativen Berufen, nach dem “Anschluss” an das Deutsche Reich der Reichskammer der bildenden Künste beitreten, deren Ziel die Gleichschaltung des Kunst- und Kulturbetriebs unter nationalsozialistische Ideologie und Gesetzgebung war. Dementsprechend waren alle Jüdinnen und Juden sowie politisch unliebsame Personen von einer Teilnahme ausgeschlossen, was praktisch einem Berufsverbot gleichkam.

Sie trat auch der NSDAP bei, das war allerdings keine verpflichtende Voraussetzung, um arbeiten zu können, hat aber sicher geholfen. Sie gibt auf dem Fragebogen für die Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste an, Mitglied der NSDAP zu sein. Nach dem Krieg, im Ansuchen an die Ingenieurkammer vom 29. Mai 1947 gibt sie, dem widersprechend, an, sie sei im April 1938 nur Anwärterin der NSDAP gewesen. Ob sie aus Überzeugung oder Opportunismus beigetreten ist, wissen wir nicht. Für eine ideologische Nähe spricht ihre Mitgliedschaft bei der Deutschen Studentenschaft, die sie im Fragebogen zur Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste angab. Diese studentische Standesvertretung agierte nach dem Volkstumprinzip. Dabei wurden Juden, Ausländer, Slawen, Sozialdemokraten und Kommunisten von Anfang an ausgegrenzt. Seit Anfang der 1930 Jahre kam es zudem sukzessive zur Übernahme durch den NS-Studentenbund.
Bereits im Juni 1938 fand sie Arbeit im Luftgaukommando XVII, das in der Weihburggasse 32, im 1. Wiener Gemeindebezirk untergebracht war. Dort war sie mit der Erstellung von Entwürfen für Flugplatzanlagen betraut. Das Luftgaukommando XVII war der wichtigste Unterstützungsluftgau für die Operationen der Luftwaffe auf dem Balkan, in der Ägäis sowie in etwas geringerem Umfang in Südrussland. Diese Beschäftigung endete schon Ende Juli 1938, gleich im Anschluss arbeitete sie zwischen 1938  und Ende März 1946 an mehreren Projekten im Architekturbüro von Hans Kamper, einem Mitarbeiter im Baudezernat des Reichsstatthalters Bürckel in Wien, z.B. an den prestigeträchtigen Aufträgen für die Theater in Maribor und Celje, die, nach der Besetzung Sloweniens durch die deutsche Wehrmacht im April 1941, für deutschsprachige Produktionen und ein deutschsprachiges Publikum adaptiert werden sollten. Knapp ein halbes Jahr nach der Besetzung, im Oktober 1941, erstellte Hans Kamper im Auftrag des Reichspropagandaamtes Graz – Graz deswegen, weil dieser Teil Sloweniens als Untersteiermark Teil des Gaues Steiermark geworden war – Pläne für einen umfassenden Umbau und Renovierung des Theaterkomplexes. Die Beauftragung eines solchen, nicht militärischen, Projektes mag verwundern, aber Theater spielten in der politischen Propaganda eine sehr wichtige Rolle, und finanzielle Mittel stellten zu diesem Zeitpunkt kein Hindernis dar. Elisabeth Lachner übernahm dafür die Bauleitung, aber aufgrund der Kriegsentwicklung wurden kaum konkrete Arbeiten durchgeführt. 1944 schließlich wurden die Baumaßnahmen eingestellt und die Kellerräume zu Luftschutzkellern umfunktioniert. 

Elisabeth Lachner war neben den Theaterbauprojekten in Stadtplanungen für Bregenz und Kufstein eingebunden, bei denen Entwürfe für öffentliche Gebäude geplant wurden, wie die Stadthalle, eine Schule, Schießübungsplätze und Altstadtsanierungen. 

Neben Bauleitungen beteiligte sich Elisabeth Lachner auch an Wettbewerben, wie für das Funkhaus in Köln oder die Stadthalle in Posen, vermutlich als Arbeitsauftrag im Büro Kamper, das auch nach Kriegsende weitere Aufträge erhielt. Anfang April 1946 hatte Elisabeth Lachner das Architekturbüro verlassen und sich selbständig gemacht. Da sie nach dem Bundesverfassungsgesetz über die Behandlung der Nationalsozialisten als Minderbelastete eingestuft worden war, stand einer weiteren  Berufsausübung nichts im Weg. 1947 erfolgte die Aufnahme in die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, Landesverband Wien, Niederösterreich und Burgenland. 

Sie konnte einige kleinere Wohnhausbauten umsetzen, arbeitete 1947 am Wettbewerb für die Neugestaltung des durch Bombenschäden beschädigten Kaiviertels in Salzburg mit, sowie, anscheinend in Zusammenarbeit mit ihrem Vater, am Wettbewerb für den Donaukanal, der immerhin den 3. Preis erzielen konnte.

Wir wissen nur wenig über ihr Privatleben. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre hatte sie einen Kollegen, Rudolf Hofbauer, ebenfalls Absolvent der Wiener Technischen Hochschule, geheiratet. Als sie 1949 erstmalig einen Wohnbau für die Gemeinde Wien baute, in der Kahlenbergerstr. 7-9, im 19. Bezirk, werden beide als ausführende Architekten genannt.

Die nächsten 20 Jahre baute sie mehrere Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien, immer in Arbeitsgemeinschaften mit anderen Architekten. Am bekanntesten ist vielleicht der Georg-Emmerling-Hof, prominent am Donaukanal, dem Schwedenplatz gegenüber, gelegen. Die große dreiseitige Anlage bildet einen Straßenhof zur verkehrsreichen Oberen Donaustraße, im Erdgeschoß befindet sich eine Zone mit Geschäften, darüber im 1. Obergeschoß ein Kindergarten und Kinderkrippe. Die Plastik einer Ziege von Alois Heidel, die im Hof aufgestellt ist, hatte in der Entstehungszeit, 1957, heftige Diskussionen ausgelöst. Hatte sich die Plastik in ihrer Darstellung doch als zu realistisch für den Geschmack der Wienerinnen und Wiener herausgestellt. 

1976 hatte Elisabeth Hofbauer-Lachner ihre Befugnis ruhend gestellt und sich aus dem Arbeitsleben zurückgezogen. Nur ein Jahr später, am 20. August 1977 starb sie, mit nur 64 Jahren, in Wien.

Werke (Auswahl)

1939 – 1946: Mitarbeit im Büro Kamper an Stadtplanungsprojekten in Bregenz und Kufstein

1943 – 1944: Bauleitung bei der Renovierung der Theater in Maribor und Celje

1949 – 1951:  Wohnhausanlage Wien 19., Kahlenbergerstr. 7-9 (42 Wohnungen) 

1953 – 1957:  Wiener Gemeindebau Georg-Emmerling-Hof, 1020 Wien, Obere Donaustrasse 97-99 (gemeinsam mit den Architekten Rudolf Hofbauer und Leo Kammel junior)

1957 – 1958: Wohnhausanlage Wien 13., Wattmanngasse 58-60 

1969: Wohnhausanlage Wien 12., Schönbrunnerstr. 195 

1969 – 1971: Wohnhausanlage Wien 12., Haebergasse 5 

Quellen

TU Archiv Wien

Archiv der Kammer der Ziviltechnikerinnen, Wien, Niederösterreich, Burgenland.

Sabine Plakolm-Forsthuber: ZV-Frauen bauen mit! Wege und Irrwege der ersten Architektinnen in der ZV (1925-1959), in Ingrid Holzschuh (Hg.): Baukultur in Wien 1938-1959. Das Archiv der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs (ZV), Basel 2019

Ingrid Holzschuh, Sabine Plakolm-Forsthuber: Auf Linie.  NS-Kunstpolitik in Wien. Die Reichskammer der bildenden Künste, Wien, 2021

Ingrid Holzschuh: BauKultur in Wien 1938 – 1959, Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs, Wien, 2019

Marian Miehl: “Studentische Vertretungsorganisationen und ihre Politik in der Zwischenkriegszeit”, Diplomarbeit, Wien, 2008

 

Neues Wiener Tagblatt, 20.02.1938, S. 7

www.wienerwohnen.at

https://www.theatre-architecture.eu/de/

Abbildungen: 

Porträt: Bildunterschrift: Elisabeth Hofbauer-Lachner, vermutlich 1938

Fotocredit: Archiv der Zentralvereinigung Österreich, Landesverband Wien, Nö & Bgld.

Werk: Bildunterschrift:  Georg-Emmerling-Hof, Obere Donaustraße 97–99, 1020 Wien

Fotocredit: Aemilia Burg, 2024

 

Text: Christine Oertel

Jänner 2024