Ella Briggs

Geburtsname: Baumfeld
weitere Namen: Briggs-Baumfeld
geboren: 05.03.1880 Wien, Österreich-Ungarn
gestorben: 20.06.1977, Enfield, Middlesex, Großbritannien
Religionsbekenntnis: Mosaisch, ab ca. 1918 Evangelisch
Emigration: 1936 nach London, GB

Ausbildung

3 Jahre Kunstschule für Frauen und Mädchen
1901-1906 Kunstgewerbeschule Wien, Fachklasse für Malerei bei Koloman Moser
1916-1918 Technische Hochschule Wien als Gasthörerin
1918-1919 Staatsrealschule Salzburg
1918-1920 Technische Hochschule München, Abschluss mit Diplom-Hauptprüfung
Ella Briggs
Ella Briggs
Teilen
Share on pinterest
Share on email
Share on twitter
Pestalozzihof, Elsa Briggs
Pestalozzihof, Elsa Briggs

Biografie

Ella Baumfeld wurde am 5.3.1880 in Wien in einer jüdischen Familie geboren, ihr Vater Josef Baumfeld war Advokat. Die Familie konvertierte später zum evangelischen Glauben.

Die kunstinteressierte Ella besuchte 3 Jahre die Frauenkunstschule in Wien und anschließend die Kunstgewerbeschule von 1901-1906, vor allem die Malerei-Klasse von Kolomann Moser und auch Kunststickerei und Spitzenzeichnen bei Johann Hrdlicka.    

Während ihres Studiums kam es zu einem ersten längeren Aufenthalt in New York 1904 -1905 bei Verwandten ihrer Mutter. Nach dem Studienabschluss zog es sie wieder in diese Stadt, wo sie 1907 den Juristen Walter Briggs heiratete. Allerdings hielt diese Ehe nicht lang, 1912 kam es zur Scheidung und zu ihrer Rückkehr nach Europa. In diesen Jahren in New York entstanden ihre ersten innenarchitektonischen Arbeiten. Sie statte Räume für das Irving Place Theatre aus, das damals von ihrem Bruder Maurice Baumfeld geleitet wurde.

Zurück in Berlin volontierte sie in einer großen Möbelfabrik und besuchte die Berliner Tischlerschule. Ella Briggs, inzwischen 33 Jahre alt, übersiedelte nach Wien und begann ihre künstlerischen Erfahrungen im Bereich der Innenarchitektur zu realisieren. 1914 trat sie in Wien mit der Gestaltung von Interieurs in Erscheinung mit der Gestaltung eines Damenzimmers aus Palisander bei der 5. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen sowie mit der  Kunstgewerbeausstellung des Wiener Frauenklubs. Es waren die Jahre des ersten Weltkrieges wo sie sich auch als freiwillige Krankenpflegerin engagierte und Praxis in Architekturbüros sammelte, bei Architekt Baurat Alfred Keller und bei Prof. Dr. Holey. Sie versuchte ab 1916 an der Technischen Hochschule in Wien ein Architekturstudium zu beginnen. Als Gasthörerin konnte sie Vorlesungen und Übungen besuchen und scheint auch Prüfungen abgelegt zu haben, die ihr später in München angerechnet wurden. Sie besuchte die Staatsrealschule in Salzburg um die Matura abzulegen. 1918 wechselte sie an die Technische Hochschule München, wo sie zuerst nur als „Zuhörerin“ aufgenommen wurde. Schließlich mit dem Nachweis der Reifeprüfung  konnte sie als ordentliche Hörerin studieren und bereits 1920 mit dem Hauptdiplom abschließen. Als Diplom-Ingenieurin reiste sie in die USA und begann ihre selbständige Tätigkeit als Architektin. Planungen von Wohnhäusern als Typenhäuser und Hausgruppen wurden publiziert.

1923 kehrte sie erneut nach Wien zurück. Sie erhielt einen großen Auftrag der Stadt Wien für die Wohnhausanlage „Pestalozzi-Hof“ im 19. Bezirk. Das städtebaulich markant ausgebildete Gebäude an der Ecke Billrothstraße zur  Philippovichgasse mit fünf Geschoßen wurde 1925-1926 errichtet. Ella Briggs war allein verantwortlich für die Planung der großen Wohnhausanlage. Damit ist sie die einzige selbständige Architektin, die in den 1920er Jahren in der Zeit des „Roten Wien“ einen Auftrag der Stadt Wien erhielt. Neben ihr war nur eine zweite Architektin, von den 199 Architekten die Aufträge erhielten, Margarete Schütte-Lihotzky an Planungen beteiligt, beim Otto-Haas-Hof (1924) und an der Werkbundsiedlung (1932).
Der Pestalozzi-Hof umfasst 119 Wohnungen, im Erdgeschoß mehrere Läden und einen Kindergarten, der im zentralen zurückgesetzten Bauteil an der Philippovichgasse liegt. Die Wohnungen entsprechen den damals üblichen Gemeinde-Standards. Alle waren mit einem Wasseranschluss und einem Gasherd in der Küche ausgestattet. Sie bestanden aus Vorraum, Wc, Küche oder Wohnküche und Zimmer, manche ergänzt durch ein Kabinett. Viele Wohnungen verfügen über kleine Balkone oder Loggien.
Ella Briggs richtete eine Musterwohnung in der Wohnanlage ein. Da sie auch als Fotografin erfahren war nahm sie selbst Fotos auf, die auch publiziert wurden.

Das Ledigenheim in der Billrothstraße, teilweise an das Grundstück des Pestalozzi-Hofs grenzend, war der direkte Folgeauftrag für Ella Briggs und wurde 1927 fertig gestellt. Für 25 alleinstehende Personen gibt es hier je ein Zimmer, einen zentralen Gemeinschaftsraum in jedem Geschoß, Teeküche, Wasch- und Nebenräume.

In den folgenden Jahren war sie in Berlin tätig. Sie konnte einen großen Wohnbau in Berlin-Mariendorf  realisieren und Einfamilienhäuser in Kleinmachnow, Land Brandenburg entstanden. Weiters war sie an der Deutschen Bauausstellung Berlin 1931 mit der Gestaltung eines Standes für die Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin GmbH beteiligt und zahlreiche Publikationen sind von ihr bekannt.

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen war das Arbeiten für Ella Briggs, die Jüdin war, nur mehr erschwert möglich.
Sie emigrierte 1936 nach London, wo ihr Bruder Fritz Baumfeld lebte und nahm ihre Arbeit als Architektin auf. 1947 erhielt sie die britische Staatsbürgerschaft und wurde im selben Jahr als Mitglied in das Royal Institute of British Architects RIBA aufgenommen.
Nach dem Tod ihres Bruders 1953 übersiedelte sie nach Enfield, Middlesex, wo sie 1977, im Alter von 97 Jahren, verstarb.


1 Helmut Weißmann: In Wien erbaut. Lexikon der Wiener Architekten des 20. Jahrhunderts, Wien 2005

2 Müller-Wulckow: Architektur der Zwanziger Jahre in Deutschland, S.16 und 23; vgl. Robert Schmid: Ella Briggs (1880-1977) Diplomarbeit an der TU Wien 2019

3 Ella Briggs: Ledigenheim und Kleinstwohnungshäuser“, in: Bauwelt, Jg. 19, 1928, Heft 48, S. 1132

Werke (Auswahl)

1914               5. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen, Wien (Damenzimmer aus Palisander) und Kunstgewerbeausstellung im Österreichischen Frauenklub, Wien

1925-1926 Pestalozzi-Hof, Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, 1190 Wien, Philippovichgasse 2-4 / Billrothstraße

1927               Ledigenheim, als Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, 1190 Wien, Billrothstraße 9

1930              Wohnhausanlage Mariendorf, Berlin

1931                Deutsche Bauausstellung Berlin, Gestaltung des  Standes der Wohnungsfürsorge­ gesellschaft Berlin GmbH in der Abteilung Das Bauwerk unserer Zeit.

1933               Einfamilienhäuser in Kleinmachnow, Land Brandenburg

Quellen

Nationale Ella Baumfeld 1903, k.k. Kunstgewerbeschule Wien, Archiv UaK

Ella Briggs: Ledigenheim und Kleinstwohnungshäuser“, in: Bauwelt, Jg. 19, 1928, Heft 48, S. 1132

Kerstin Dörhöfer: Pionierinnen in der Architektur. Eine Baugeschichte der Moderne, Berlin 2004

Helmut Weißmann: In Wien erbaut. Lexikon der Wiener Architekten des 20. Jahrhunderts, Wien 2005

Robert Schmid: Ella Briggs (1880-1977) Diplomarbeit an der TU Wien 2019

Foto Portrait: Ella Briggs 1918, © TUM Archiv

Foto Werk: Pestalozzi-Hof, 1190 Wien, Billrothstraße, © c.zwingl

 

Text: Christine Zwingl
Februar 2022

zum Podcast