Ausschnitt aus dem Jahreskatalog 1930/31, Technische Hochschule, Wien

Biografie

Erna Kapinus wurde als Tochter des Bankbeamten Adolf Kapinus in Wien geboren. Sie wuchs in einer gutbürgerlichen Familie in der Edelhofgasse 19 im 18. Wiener Gemeindebezirk auf und verbrachte ihr ganzes Leben in ihrer Geburtsstadt.

Nachdem Erna Kapinus im Juni 1928 das Mädchen-Realgymnasium mit der Matura abgeschlossen hatte, besuchte sie ein Jahr die Wiener Frauenakademie, bevor sie sich im Studienjahr 1929/30 für die Fachklasse für Architektur I bei Professor Josef Hoffmann an der Kunstgewerbeschule einschrieb. Ihr Interesse an Architektur wurde geweckt und führte die 21-jährige Studentin zu einem Architekturstudium an der Technischen Hochschule. Am 27. Februar 1933 bestand sie erfolgreich ihre erste Staatsprüfung mit der Note ’sehr gut‘, gefolgt von der zweiten Prüfung am 10. Juli 1935. Im Studienjahr 1935/36 wurde sie in die Meisterschule von Karl Holey aufgenommen und besuchte im Sommersemester 1936 die Spezialschule für Theaterinszenierung und künstlerische Werbetechniken unter der Leitung von Hermann Grom-Rottmayer. Obwohl die akademische Laufbahn von Kapinus vielversprechend war, schloss sie die Meisterschule nicht ab und entschied sich stattdessen für den Einstieg ins Berufsleben. 

Im Juli 1936 begann sie ihre berufliche Laufbahn im Atelier der Architektin Liane Zimbler in der Schleifmühlgasse 5 im 4. Wiener Gemeindebezirk. Dort agierte sie als selbstständige Bauleiterin und führte auch Projektierungsarbeiten durch. Als Architektin hielt sie am 6. Juni 1937 einen Vortrag für die Österreichische Frauenschaft im Cafe-Restaurant Waldsteingarten in der Prater Hauptallee im 2. Bezirk. In ihrem Vortrag ging es um die Instandsetzung und Modernisierung der Wohnung. 

Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 führte dazu, dass ihre Arbeitgeberin Liane Zimbler und deren Familie aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln in die USA fliehen mussten und das Atelier geschlossen wurde. Erna Kapinus wurde daraufhin der Bauabteilung des Luftgaukommandos XVII zugewiesen und war dort als Architektin und Bauleiterin tätig. Sie plante vor allem die Innenausstattung von Kasinos, Wirtschaftsgebäuden, Büros des Luftflottenkommandanten sowie von anderen militärischen Gebäuden. Zudem war sie für die Erstellung von Kostenvoranschlägen verantwortlich. 

Nach dem Krieg, ab dem ersten Juli 1945, war sie schließlich als selbstständige freischaffende Architektin mit Wohn- und Arbeitsadresse in der Ferstelgasse 6 tätig. Im selben Jahr wurde sie Mitglied der neu gegründeten Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs, eine Interessenvertretung für alle bildenden Künstler*innen wie Maler*innen, Grafiker*innen, Bildhauer*innen, Architekten und Architektinnen und Kunstgewerbler*innen mit Wohnsitz in Österreich. Die Zentralvereinigung der Architekten dürfte in diesen Jahren ein Teilverein innerhalb der Berufsvereinigung gewesen sein.

Zwei Jahre später gab es dann berufliche und auch private Ereignisse, die das Leben der Architektin veränderten. Im Mai 1947 heiratete sie den Architekten Rudolf Grigkar und am 27. Juni 1947 absolvierte sie erfolgreich die Ziviltechnikerprüfung. Am 12. Februar 1948 erlangte sie die Befugnis als Architektin. Damit wurde sie zu einem Mitglied der Ingenieurkammer und trat aus diesem Grund im März 1948 aus der Zentralvereinigung der Architekten aus. Nur zwei Jahre später, im Jahr 1950, legte sie die Befugnis als Architektin jedoch bis 1954 zurück. Erna Grigkar gab in ihrem Ansuchen an das Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau ‚zwingende, familiäre Gründe‘ als Grund dafür an. Nähere Details dazu sind nicht bekannt. Als Architektin in Wien entwarf Grigkar sowohl allein, als auch in Zusammenarbeit mit anderen Architekten und Architektinnen mehrere Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien, darunter die Wohnhausanlage Breitenfurterstraße 555-557 (1973-1975) mit 24 Wohnungen in zweigeschossigen Häuserblocks. Bei diesem Projekt verband sie gekonnt Architektur und Freiraum, indem sie für jede Wohnung Balkone plante und großzügige Freiflächen um die Häuserblöcke schuf. Eine besondere Note erhielt die Anlage durch einen in den Boden versenkten Spielplatz, der den Kindern einen geschützten Raum zum Spielen bot. Der Erdwall um den Spielplatz sollte den Kindern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Auch Erna Grigkars Ehemann war als selbständiger Architekt im Bereich Wohnbau für die Stadt Wien tätig.

Erna Grigkar lebte zeitlebens in ihrer Heimatstadt und hinterließ zahlreiche Zeugnisse ihres Engagements als Architektin. 

 

1 Die Frauenakademie, ursprünglich Kunstschule für Frauen und Mädchen genannt, war eine künstlerische Bildungseinrichtung für Frauen in Wien. Diese wurde 1897 gegründet, als es Frauen noch nicht möglich war eine künstlerische Ausbildung an der Kunstakademie zu machen – dies war erst ab 1920 möglich.

Werke (Auswahl)

1956-1958 Wohnhausanlage Johann-Hörbiger-Gasse24-28 (mit Paul Artmann, Karl Kail, Kurt Russo)

1962-1965 Wohnhausanlage Berlagasse 1 (mit Julius Bergmann, Alfred Lechner, Johannes Lintl, Georg Malai, Michael Pribitzer)

1963-1965 Wohnhausanlage Mühlweg 43 (mit Julius Bergmann, Alfred Lechner, Johannes Lintl, Georg Malai, Michael Pribitzer)

1968-1970 Wohnhausanlage Franz-Koblizka-Hof (mit Erich Huber, Adolf H. Kautzky, Gerhard Krampf, Florian Omasta, Libuse Partyka, Josef Schuster)

1973-1975 Wohnhausanlage Breitenfurter Straße 555-557

Quellen

AT-OeSTA / Archiv der Republik, Erna Grigkar, geb. Kapinus

Maria Auböck, Holzschuh, Ingrid Holzschuh (Hg.): BauKultur in Wien 1938–1959 : Das Archiv der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs (ZV). Basel, 2019.

Ingrid Holzschuh, Sabine Plakolm-Forsthuber: Auf Linie: NS-Kunstpolitik in Wien.die Reichskammer der bildenden Künste. Wien Museum MUSA (Hg.). Basel, 2021.

Juliane Mikoletzky, Ute Georgeacopol-Winischhofer, Margit Pohl: „Dem Zuge der Zeit entsprechend …“ Zur Geschichte des Frauenstudiums in Österreich am Beispiel der Technischen Universität Wien, Wien, 1997.

Breitenfurter Straße 555-557 – Wiener Wohnen – Gemeindewohnungen. Stadt Wien – Wiener Wohnen, URL: https://www.wienerwohnen.at/hof/1667/Breitenfurter-Strasse-555-557.html (abgerufen am 12.10.2023)     

 Universität für angewandte Kunst Wien. Kunstsammlung und Archiv . Schüler*innen-Datenbank – Universitätsarchiv. Erna Kapinus (1929/30). URL: https://kunstsammlungundarchiv.at/universitaetsarchiv/schueler-innen-datenbank/ (abgerufen am 20.01.2024)

Vorträge und Versammlungen. In: Neues Wiener Tagblatt (06.06.1937). URL: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwg&datum=19370606&seite=12&zoom=33&query=%22Erna%2BKapinus%22&ref=anno-search (abgerufen am 20.01.2024)

Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs (ZV). (1945). Mitgliedsakt Erna Kapinus. Wien.

Foto: Archiv der TU Wien

Text: Miriam Thöni Altstätter

März 2024