Wohnraum Haus 15, Werkbundsiedlung Wien, 1932

Biografie

Ilse Bernheimer wurde in Wien als Architektin bekannt mit der Einrichtung des Hauses Nummer 15 in der Wiener Werkbundsiedlung, Engelbrechtweg 9, entworfen von Architekt Anton Brenner, eröffnet im Jahr 1932. Darüber wurde in der Presse berichtet und photographische Abbildungen ausgezeichneter Interieurs der Architektinnen Ilse Bernheimer und Leonie Pilewski waren bei der 17. Jahresausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen im Hagenbund zu sehen. Diese Arbeit stellte allerdings eine Ausnahme im Schaffen der Künstlerin dar, einer herausragenden bildenden Künstlerin, deren Hauptwerke im Bereich der Malerei lagen – jedoch: „Die Vielfältigkeit der Arbeiten Ilse Bernheimers spiegeln ihre universelle Tätigkeit wider – vom einfachen Textilentwurf bis zu innenarchitektonischen Raumkonzepten.“ beschreibt Prof. Oswald Oberhuber die Künstlerin (im Katalog zur Ausstellung: Ilse Bernheimer Arbeiten in der Kunstgewerbeschule, Wien 1982).

Ihre Kindheit erlebte Ilse in Wien, in einer wohlhabenden Familie, als Tochter des Chemikers Oskar Bernheimer und seiner Frau Hermine, geborene Margulies. Die Familie Bernheimer stammte aus Triest, wo Ilses Großvater, Leopold Bernheimer, gemeinsam mit seinem Schwager Ludwig Brettauer das Bankenhaus Bernheimer-Brettauer gegründet hatte. Die Familie war  jüdischer Abstammung, war jedoch zum evangelischen Glauben konvertiert. An der Kunstgewerbeschule gab Ilse Bernheimer in allen Nationalen (zwischen 1907 und 1916) als Religionsbekenntnis „evangelisch“ an. 

Ilse besuchte die Kunstschule für Frauen und Mädchen, wo ihr künstlerisches Talent bereits auffiel. Franz Cizek, Leiter der Kurse für Jugendkunst an der Kunstgewerbeschule wurde auf sie aufmerksam und empfahl ihr den Maler Hans Strohofer als Lehrer. Bei der Kunstschau Wien 1908 stellte sie im Raum welcher der Kunst des Kindes gewidmet war, bereits 30 Aquarelle aus. Noch im selben Jahr 1908 begann sie an der Kunstgewerbeschule Hilfsfächer zu belegen. Ab 1909 konnte sie als Hospitantin Schrift und Heraldik bei Prof. Rudolf Larisch studieren und in der allgemeinen Abteilung das Studium der menschlichen Gestalt bei Prof. Anton Kenner. 1911 kam sie in die Jugendkunstklasse von Franz Cizek. Schließlich 1912 wurde sie in der Fachklasse für Malerei bei Koloman Moser aufgenommen. Im ersten Jahr nahm sie am Abendakt teil, damals geleitet von Oskar Kokoschka, den sie später rückblickend als starke und faszinierende Persönlichkeit, voll Heiterkeit und Energie, beschrieb. Bereits in der Zeit ihrer Ausbildung begann sie abstrakte Kompositionen und Stoffmuster zu entwerfen, die bei ihren Lehrern vorerst nicht auf Anerkennung stießen. Sie ließ sich nicht abbringen und setze diese Art der Experimente fort. 

Im Jahre 1913, noch mitten in ihrer Ausbildung stehend, engagierte sie sich auch aktiv für Frauenrechte als Mitglied eines Künstlerinnenkomitees. 1915 unterzeichneten Ilse Bernheimer und ihre Mutter Hermine den Aufruf zum Frieden internationaler Frauen.

Nach ihrem Abschluss folgten weitere Praxis- und Lehrjahre. 1919 reiste sie nach Zürich, wo sie in der Lithografenwerkstätte Wolfensberg beschäftigt war. Danach ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Maler Henri Manguin kennen, mit dem sie zwei Jahre, bis 1925, in St. Tropez lebte. In dieser künstlerischen Phase, umgeben von zahlreichen Künstlerpersönlichkeiten, u.a. wurde sie mit Henri Matisse bekannt, wendete sie sich wieder dem Gegenständlichen zu.

Zurück in Wien betätigte sich die Künstlerin für ein Jahr als Lehrerin an der Wiener Kunstschule für Frauen und Mädchen (auch Wiener Frauenakademie). Sie wurde aber bald entlassen, da sie angeblich „ihre Schülerinnen zu viel mit dem französischen Impressionismus vertraut gemacht habe“. Die Malerin hatte Oskar Strnad, den sie bis dahin nicht persönlich kannte, zu einer Ausstellung ihrer Schülerinnen der Frauenakademie eingeladen. Als Strnad kam, war Ilse Bernheimer sehr rasch fasziniert von seiner Persönlichkeit und bat ihn seine Assistentin werden zu dürfen. So war sie von 1926-27 die Privat-Assistentin des von ihr hoch verehrten Oskar Strnad war. Strnad unterrichtete die Architekturklasse an der Kunstgewerbeschule und dabei auch Studierende der Bühnenbildgestaltung. Ilse Bernheimer fertigte für den Unterricht Strnads szenografische Entwürfe an. 1930 richtete sie einen privaten Vorbereitungskurs für Schülerinnen des Mode-Ateliers von Eduard Wimmer-Wisgrill an der Kunstgewerbeschule aus.

Die Beteiligung an der Wiener Werkbundsiedlung 1932 mit der Einrichtung des Hauses Brenner, dürfte sie der Vermittlung durch Oskar Strand zu verdanken haben.

In den Jahren bis zu ihrer Emigration sind Aufenthalte in Umbrien und Rom (1936) bekannt. 

1938 emigrierte sie mit ihren Eltern nach Italien, um der rassistischen Verfolgung durch das NS-Regime zu entgehen. 1940 lebte Bernheimer mit ihrer Familie in Triest, danach in Porteole in der Provinz Udine. Die Familie war wohl eher begütert und konnte das Leben in den schwierigen Kriegsjahren ermöglichen. 1943-1946 hielt sie sich in Rom auf, anschließend wahrscheinlich bei Verwandten in Friaul.

Ab 1950 war Ilse Bernheimers ständiger Wohnsitz in Venedig, 1952 nahm sie erneut eine Lehrtätigkeit an, sie unterrichtete an der Schule für Glasarbeit in Murano. Das Leben war jedoch nicht so leicht, so stellte sie 1957 aus Venedig einen Antrag an den Fond zur Hilfeleistung politisch Verfolgter in Österreich, von dem sie auch 1958 eine Auszahlung erhielt.

Sie nahm ihre künstlerische Tätigkeit wieder auf und brachte es durchaus zu Ausstellungserfolgen in Italien und Österreich. Beispiele dazu sind: 1970 Ausstellung im Österreichischen Kulturinstitut in Rom, 1982 zeigte die Hochschule für angewandte Kunst Wien Arbeiten ihrer ehemaligen Schülerin. 

Ilse Bernheimer wohnte in Venedig auf der Insel Guidecca in einer Wohnung im letzten Stock des Hauses „Casa dei Tre Oci“. Das Haus wurde nach einer Sanierung 2012 zu einem Kulturinstitut und Raum für Kunstausstellungen mit Schwerpunkt Fotografie.

Die Künstlerin arbeitete noch bis ins hohe Alter täglich und starb schließlich am 28. Februar 1985 im Alter von 93 Jahren. Ilse Bernheimer wurde am Friedhof S. Michele in Venedig begraben. 

Werke (Auswahl)

1920  Ausstellung eines Holzschnitts bei der Biennale in Venedig
1932  Einrichtung des Hauses Nr. 15, von Anton Brenner, bei der Werkbundsiedlung in Wien, Egelbrechtweg 9
 
1970  Ausstellung am Österreichischen Kulturinstitut in Rom
1976  Ausstellungsbeteiligung  bei der Biennale in Venedig
1982  Personalausstellung an der Hochschule für Angewandte Kunst Wien
 
 

Quellen

Isabel Artmayr: Ilse Bernheimer Eine Künstlerin im Exil; Wahlseminar Architektinnen im Exil TU Wien, WS 2016/17.

AT-OeSTA/ Archiv der Republik, Ilse Bernheimer

Ilse Bernheimer, in: Spalt, Johannes (Hg.), Der Architekt Oskar Strnad – Zum hundertsten Geburtstage am 26. Oktober 1979, Wien (Hochschule für Angewandte Kunst) 1979, S. 6f 

Bund österreichischer Frauenvereine (Hg.): Frauenkunst, 17. Jahresausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen, in: Die Österreicherin, 5. Jahrgang, Nr. 9, Wien, 1932, S. 5 

Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst

Iris Meder und Evi Fuks (Hg.): Oskar Strnad 1879-1935, Ausstellungskatalog, Wien, 2007

Oswald Oberhuber (Hg.): Ilse Bernheimer, Arbeiten in der Kunstgewerbeschule, Ausstellungskatalog, Wien (Hochschule für Angewandte Kunst) 1982 

Sabine Plakolm-Forsthuber: Künstlerinnen in Österreich 1897-1938, Malerei – Plastik – Architektur, Wien, 1994, S. 276f 

Veronika Pfolz: Nach Italien emigriert – drei Künstlerinnen und Künstler, in: Zwischenwelt Literatur – Widerstand – Exil, 22.Jg. Nr. 1-2, Wien, 2005, S. 61-65

Gisela Urban: Wie schaffen Wiener Architektinnen? In: Neue freie Presse 15.2.1933

Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, III.Jg, Nr.4, Wien, April 1913

Walter Zettl/ Ilse Bernheimer: Ilse Bernheimer, Ausstellungskatalog, Rom (Instituto Austriaco di Cultura in Roma) 1970 

https://de.wikipedia.org/wiki/Ilse_Bernheimer  (aufgerufen 1.3.2023)

https://www.werkbundsiedlung-wien.at/biografien/ilse-bernheimer  (aufgerufen 30.8.2023)

Foto Portrait: Familienarchiv Leisching, Wienbibliothek im Rathaus

Foto Werk: Archiv UaK, Inv.Nr. 18.048/2/FW

 
 

Text: Christine Zwingl

Februar 2024