Leonie Pilewski–Karlsson

Geburtsname: Pilewska
weitere Namen: Pilewski, Karlsson
geboren: 22.02.1897 Winniki, Galizien, Österreich-Ungarn
gestorben: 1992, Stockholm, Schweden
Religionsbekenntnis: mosaisch
Emigration: 1938 nach Schweden

Ausbildung 

1915-1916 Technischen Hochschule Wien, a.o. Hörerin, Darstellende Geometrie
1915-1917 Universität Wien, philosophische Fakultät, Chemiestudium
1917 Technischen Hochschule Wien, Maschinenbaufakultät, Hospitantin
1917-1918 Technischen Hochschule Darmstadt, Maschinenbau
1918-1922 Technischen Hochschule Darmstadt, Hochbau/Architektur
Leonie Pilewski-Karlsson
Leonie Pilewski–Karlsson
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Einrichtung Leonie Pilewski-Karlsson, Werkbundsiedlung

Biografie

Leonie Pilewska wurde am 22. Februar 1897 in Winniki bei Lemberg geboren. Winniki liegt im ehemaligen Galizien, der heutigen Ukraine und war Teil des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Ihre Schulzeit verbrachte Leonie in Wien. Sie besuchte das Mädchen-Gymnasium in der Rahlgasse 4 in 1060 Wien und absolvierte am 30. Mai 1915 die Reifeprüfung.
Schon seit 1915 suchte Leonie Pilewska immer wieder beim Rektorat der Technischen Hochschule Wien um Zulassung als ordentliche Hörerin an – damals allerdings für die Maschinenbauschule. Im Oktober 1915 wurde ihr die Inskription unter Hinweis auf die bestehende Rechtslage verwehrt. Frauen waren nur für bestimmte Lehramts-Fächer als außerordentliche Hörerinnen zugelassen. Die Zulassung für Frauen zum Studium als ordentliche Hörerinnen an Technischen Hochschulen erfolgte erst am 07. April 1919.
Noch im Oktober 1915 belegte sie Darstellende Geometrie als außenordentliche Hörerin und wandte sich ein Jahr später erneut an das Rektorat und etwas später nochmals direkt an das Unterrichtsministerium mit der Bitte um Zulassung, nun als außenordentliche Hörerin zu technischen Vorlesungen – allerdings ohne Erfolg.
Leonie Pilewska versuchte daraufhin einen anderen Weg. 1917 bewarb sie sich an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn. Dort erhielt sie eine Zulassung als außerordentliche Hörerin für das Fach Mathematik, sofern sie ein Lehramtsstudium anstrebe. Dies kam für sie jedoch nicht in Frage.

Im Sommersemester 1917 gelang es ihr dann doch Vorlesungen und Übungen aus Mechanik 1, Mechanische Technologie und Maschinenzeichnen an der Technischen Hochschule in Wien zu besuchen und zwar als Hospitantin. Parallel dazu hörte sie die Vorlesungen Chemische Übungen für Anfänger und Grundzüge der botanischen Systematik an der philosophischen Fakultät der Universität Wien.

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Schlussendlich wechselte sie im Herbst des selben Jahres an die Technische Hochschule in Darmstadt, wo sie sich erfolgreich als ordentliche Hörerin für das Maschinenbaustudium inskribieren konnte. Ein Jahr später, sattelte sie auf Hochbau/Architektur um und absolvierte im Dezember 1922 die Diplom-Hauptprüfung. 

Nach ihrem Studienabschluss arbeitete sie in Darmstadt und Berlin im Siedlungsbau und konnte unter dem Einfluss von Mendelsohn und Gropius an Villenbauten mitwirken. Von 1926 bis 1928 lebte sie in Moskau und betätigte sich in Baugenossenschaften beim Bau von Arbeitsheimen.
Nach ihrer Rückkehr aus Russland, sprach sie am 25. November 1928 beim Gründungskongress des Bundes der Freunde der Sowjetunion im Festsaal des Ingenieur- und Architektenvereins in Wien, über die Bautätigkeiten im neuen Russland und verfasste hierzu einige Artikel, die in renommierten Fachzeitschriften publiziert wurden. Zum Beispiel in der von Ernst May herausgegebenen Zeitschrift: Das neue Frankfurt sowie in der Zeitschrift des Deutschen Werkbunds Die Form. Als schreibende Architektin berichtete sie über das sowjetische Baugeschehen und setzte sich kritisch mit den aufbrechenden Gegensätzen in der sowjetischen Gesellschaft auseinander.
Sie nahm in den darauffolgenden Jahren an zwei CIAM-Kongressen teil:
1929 an der CIAM II in Frankfurt am Main: „Die Wohnung für das Existenzminimum“ und 1930 an der CIAM III in Brüssel: „Rationelle Bebauungsweisen“.
Bei einen längeren Auslandsaufenthalt, 1930 in Arosa, Schweiz, hatte sie Gelegenheit an den verschiedensten Bauprojekten (Villen, Sanatorien und Hotelküchen) mitzuarbeiten. Hier war es vor allem der Einfluss des von ihr besonders verehrten holländischen Architekten J. J. P. Oud, der ihr half, ihren modernen Stil auszubilden. Dieser war gekennzeichnet durch schlichte Einfachheit sowie Zweckmäßigkeit.
Ihre wohl bekanntesten Spuren in Wien, sind in der Wiener Werkbundsiedlung zu finden, wo sich dieser reduzierte Stil und ihr durch klare Formen geprägtes Design, in der Einrichtung des Hauses Nummer 1 von Hugo Häring wieder findet.
Als Jüdin und überzeugte Sozialdemokratin floh Leonie Pilewski am 12. März 1938 vor der Gestapo aus Wien über die Schweiz nach Schweden und ließ sich in Stockholm nieder. 1940 heiratete sie den Schweden Olof Karlsson. Soweit bekannt ist, war sie gesundheitlich geschwächt und widmete sich in den Folgejahren der Malerei. Unter dem Namen Leonie Pilewski-Karlsson nahm sie an mehreren Ausstellungen teil. Ihre Kunst zeigt Stillleben, Blumen und Landschaften in Öl, Pastell, Gouache oder Aquarell. 

Werke (Auswahl)

1931               Werkbundsiedling 1130 Wien, Haus Nr. 1: Wohnraum, Einrichtung

Publikationen (Auswahl)

1928               Leonie Pilewski, Moderne Bauten in Moskau, in: Das neue Frankfurt, 2, S.86-90

1929               Leonie Pilewski, Wohnungsbau in Russland, in: Das neue Frankfurt, 3, S.31-34

1930               Leonie Pilewski, Neue Bauaufgaben in der Sowjet-Union, in: Die Form, Heft 9, S.231-237

1930               Leonie Pilewski, Die Wohnungspolitik in der Sowjetunion, in: Die Wohnungsreform, 1, Heft 5, S.4-7

1931               Leonie Pilewski, Neuer Wohnungsbau in der Sowjet-Union, in: Die Form, Heft 3, S.98-106

1932               Leonie Pilewski, Der Park der Kultur und Erholung in Moskau, in: Die neue Stadt, 12, S. 7-8

1933               Leonie Pilewski, Was hat die moderne Architektin der modernen Frau zu sagen, in: Arbeiter-Zeitung, 17.01.1933, S.6 

Quellen

Juliane Mikoletzky, Ute Georgeacopol-Winischhofer, Margit Pohl: „Dem Zuge der Zeit entsprechend …“ Zur Geschichte des Frauenstudiums in Österreich am Beispiel der Technischen Universität Wien, WUV-Universitätsverlag Wien, 1997.

Sabine Plakolm-Forsthuber: Darstellungen und Selbstdarstellungen, Publikationen der ersten Architektinnen im Roten Wien in: Harald R. Stühlinger (Hg.): Rotes Wien Publiziert, Architektur in Medien und Kampagnen, Wien, Berlin 2020, S.64

AT-UAW, Phil. Nat. Frauen, WS 1915/16, fol. 49 und AT_UAW, Phil. Nat. Frauen, wS 1916/17, fol. 76

AT-ÖStA Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, E-uReang AHF K Karlsson Leonie 

Architektin Dipl. Ing. Leonie Pilewski in Österreichische Kunst, 1933, Heft 4, S. 30 

Kongress des öesterreichischen Bundes der Freunde der Sowjetunion, in: Die rote Fahne 24.11.1928 S.3

Kundgebung für den Abrüstungsgedanken in: Der Tag, 27.11.1928, S.7

Foto Passbild: ÖStA, Archiv der Republik

Foto Wohnraum: ÖNB, http://data.onb.ac.at/rec/baa14700848 ÖNB/Wien Bildarchiv 423001-D

Text: Carmen Trifina

Februar 2022

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