Martha Bolldorf-Reitstätter

Geburtsname: Reitstätter
weitere Namen: verheiratete Bolldorf von Grazigna
geboren: 18.02.1912, Innsbruck, Tirol, Österreich-Ungarn
gestorben:13.06.2001, Eisenstadt, Burgenland, Österreich
Religionsbekenntnis: röm. katholisch

Ausbildung
1926: Hospitanz Akademie der Bildenden Künste Wien bei Clemens Holzmeister
1930- 34: Akademie der bildenden Künste in Wien, als erste ordentliche Hörerin in der Meisterklasse von Clemens Holzmeister
Martha Bolldorf-Reitstätter
Martha Bolldorf-Reitstätter
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Biografie

Martha Bolldorf-Reitstätter wurde am 18. Februar 1912 als Martha Reitstätter einer Tiroler k. k. Beamtenfamilie in Innsbruck geboren, maturierte in Wien und studierte ab 1930 Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Clemens Holzmeister. 1934 schloss sie als erste Frau an der Akademie ihr Architekturstudium ab und wurde bereits für ihre Entwürfe ausgezeichnet. Bereits ab Studienbeginn arbeitete sie auch im Büro Clemens Holzmeisters an vielen namhaften Aufträgen wie das Festspielhaus Salzburg. Durch die mit internationalen Projekten verbundene Reisetätigkeit Holzmeisters erhielt Martha Reitstätter als langjährige Mitarbeiterin Verantwortung für die Innengestaltung des Wiener Funkhauses und leitete Planung und Bau von Eingangsbereich mit Hauptstiege, dem großen Sendesaal, weiterer Säle und Aufnahmestudios mit hohen akustischen Vorgaben. Leider sind einige Innenbereiche durch Bombenschäden im Krieg zerstört worden und auch in späteren Adaptierungen zugunsten andere Entwürfe verloren gegangen.

Eine erfolgreiche Wettbewerbsbeteiligung 1937 führte zu selbständigen Aufträgen und Reitstätter eröffnete 1938 ihr eigenes Architekturbüro mit mehreren Angestellten. Im Unterschied zu vielen Kolleginnen und Kollegen, wie auch ihres Mentors und Unterstützers Clemens Holzmeister, bedeutete die nationalsozialistische Machtergreifung 1938 keinen Einbruch in ihrer Karriere. Sie war NSDAP Mitglied und sogar der Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach soll von ihren Arbeiten so angetan gewesen sein, dass er sie für Adaptierungsmaßnahmen privater Räumlichkeiten engagiert haben soll.

1942-1943 war sie als Architektin an der Ostfront im Kriegseinsatz. Auf der Krim in Sinferopol, Melitopol und Sewastopol war sie mit Stadtplanungsaufgaben betraut. Dabei agierte sie im Auftrag der Organisation Todt, die Baumaßnahmen in den von Deutschland besetzten Gebieten durchführte und auch KZ-Insassen und Gefangene einsetzte, um diese umzusetzen. (Was genau sie dort gemacht hat, muss noch weiter untersucht werden.)

Zurück in Wien arbeitete Reitstätter 1944-1945 im Einsatzstab für Kultur und historische Baudenkmäler an der Rettung und Sicherung von kriegsbeschädigten Gebäuden wie Belvedere, Schönbrunn, Palais Rasumofsky und Stephansdom.

Die seit 1946 mit dem Architekten Leo Nikolaus Bolldorf von Grazigna verheiratete, kann Ihre Karriere nach 1945 nahtlos fortsetzen und leistet in den 30 nachfolgenden Jahren umfassende Entwurfs- und Bautätigkeit und wurde dafür Trägerin mehrerer Auszeichnungen. Sie nahm an wichtigen Wettbewerben in Wien wie Karlsplatz, Stephansplatz, Donauinsel und Museumsquartier teil. Sie befasste sich mit Stadtplanung und wirkte im Wiederaufbau. Für die Gemeinde Wien realisierte sie vier Wohnanlagen und war Prüfingenieur für Wohnungswiederaufbau. Bolldorf Reitstätter wirkte aber auch als Restauratorin und Möbeldesignerin, veranstaltete Ausstellungen, hielt Vorträge und publizierte.

Ab 1970 war sie Ziviltechnikerin in der Wiener Kammer der Architekten und Ingenieure. Durch ihren Ehemann, einem Nachfahren der Familie Esterhazy, plante und baute sie ab den 1950er Jahren auch im Burgenland. Und dort wurde ihr auch das Privileg zuteil, als erste Frau in ihrer Funktion als Architektin von der katholischen Kirche für Bauten für die neue Diözese Eisenstadt beauftragt zu werden. Ein wichtiger Bestandteil ihres Oevres wurden Sakralbauten wie weitere Kirchen, Pfarren, Kapellen sowie Denkmäler. In Eisenstadt realisiert sie 1971 ein Wohnhochhaus. Das ist auch aus dem Grund erwähnenswert, weil es bis in die 1980er Jahre im Burgenland nicht üblich war, an Architektinnen und Baumeisterinnen Aufträge zu übertragen. Das Burgenland wurde dann auch zu ihrer zweiten Heimat, als sie und ihr Mann 1963 das renovierungsbedürftige Renaissanceschloss Kobersdorf, einst der Familie Esterhazy gehörend, kauften und restaurierten.
Es wurde zu ihrem Lebenswerk bis sie am 13. Juni 2001 starb.

Werke (Auswahl)

1938 – 1945

Umgestaltung Wien Innere Stadt mit Neu- und Zubauten und Freilegungen 

Entwicklung von Wohnhaustypen für Anlage am Laaerberg 

Entwürfe für Jugendheime in Litschau und Heidenreichstein 

Entwürfe für Großsiedlung in Floridsdorf  

Entwürfe für Hochausplanungen

Umbau des Kammerstöckls im Schloss Belvedere

1942 – 1943 Einsatz für die OT an der Ostfront auf der Krim

nach 1945

1945 Im Wiener Bombeneinsatzstab für Kultur- und historische Baudenkmäler; bei den ersten Wiederherstellungsarbeiten des Stephansdoms maßgeblich beteiligt

bis 1947 Erstellung von Kriegsschadenplänen für die Gemeinde Wien

1948 Pfarre Pitten 

1949 Kriegergedächtniskapelle in Hohenberg/NÖ

1952 Bau des neuen Bischofssitzes in Eisenstadt

1949 – 1960 Restaurierung, Planung, Umsetzung diverser sakraler Bauten in Eisenstadt, u.a. Renovierung und Neugestaltung der Domkirche

1954 Wohnhausanlage Grinzingerstraße 49, 1190 Wien

1959 Wohnhausanlage Kleine Mohrengasse 9, 1020 Wien.

1967 Wohnhausanlage Franz Schreiner Hof, Buchleitengasse 36-40,1180 Wien

1981 Wohnhausanlage Peter Jordan Straße 81, 1190 Wien

1971 Erstes Hochhaus in Eisenstadt

seit 1963 Restaurierung und Revitalisierung des Schlosses Kobersdorf/Burgenland, aus dem Besitz ihres Mannes

Quellen

Ute Georgeacopol-Winischhofer: Bolldorf-Reitstätter, Martha, in Keintzel/Korotin (Hg.) Wissenschaftlerinnen in und aus Österreich, Wien, 2002, S. 85F

Iris Meder: Women Designers and Architects in Early Twentieth Century Vienna; in Women’s Creativity since the Modern movement 1918 – 2018, Laibach, 2018, S.56

Ilse Korotin: BiografiA, Lexikon österreichischer Frauen; Bolldorf-Reitstätter, Martha,

http://biografia.sabiado.at/bolldorf-reitstaetter-martha/

Arge Architektinnen und Ingenieurkonsulentinnen (Hg.): Frauen in der Technik von 1900 bis 2000; Bolldorf-Reitstätter, Martha, Wien, 2000

Archiv der Republik (Staatsarchiv) AT-OeStA/AdR HBbBuT BMfHuW Titel ZivTech A-G 719, 720

St. Pöltner Zeitung vom 27.10.1949, S.7

Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 9. Jänner 1948

Dompfarre St. Martin, Baugeschichte, https://dompfarre-eisenstadt.at/

https://www.wienerwohnen.at/hof/1358/Grinzinger-Strasse-49.html

https://www.wienerwohnen.at/hof/376/376.html

https://www.wienerwohnen.at/hof/24/Franz-Schreiner-Hof.html

Foto: Martha Bolldorf-Reitstätter auf der Baustelle in Kobersdorf, 1963, http://www.schloss-kobersdorf.at/ (abgerufen am 18.02.2022)

 

Text: Christine Oertel

Februar 2022

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